Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 319
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IX. KAPITEL

DER OBERSTE MÄNNERBUND

Es blieb uns bis hierhin aufgehoben, das letzte Fazit des Männer-
bundereignisses in der menschlichen Gesellschaft zu ziehen. Zu
welchem Behufe sind jene Gebilde bestimmt, wenn man ihren höch-
sten Spannungsgehalt bemißt?
Wir haben die allerverschiedensten Formen des Männerbundwesens
und der männlichen Gesellschaft kennengelernt, und wir können an
ihnen einen gemeinsamen Zug feststellen: ihre Erotik verbindet sich
stets mit einem Überschwang des Menschlichen. Mögen sie auch noch
so bizarr geraten, irgend etwas Edles ist immer an ihnen. Sie sind
niemals an begreifbaren Nützlichkeiten orientiert, sondern immer
bleibt ein rauschhaftes oder weihevolles Ereignis ihr Wesentliches.
In den militärischen Kameraderien verbindet sich grobe Päderastie
mit der Tapferkeit im Kampfe für ein nationales Ideal, im Wander-
vogel alle Spielarten der Erotik mit romantischem Gemüt und dem
Willen zu einer neuen Jugend, bei den Ritterorden dieselbe Erotik
mit frommer Gesinnung und Sucht nach sakralem Leben, bei den
Freimaurern eine aufs Feinste verdünnte und transformierte Liebes-
stimmung mit einem verbrüdernden Gefühl allen Männern gegenüber;
und sieht man sich plumpe Kneip- und Rauchgemeinschaften an oder
die jugendlichen Onaniebünde: sie sind immer noch überschwänglicher
und innerlich reicher als die Zweckverbände der bürgerlichen Ge-
sellschaft. Es staut sich in den Männergemeinschaften etwas, was
sonst nirgends vorkommt: in den Stunden der höchsten Ladung
besteht ein Bund, der zwecklos ist und zugleich von tiefstem mensch-
lichen Belang.
Aus dem Männerbundereignis quellen drei Lehren. Die Lehre vom
Staate des Menschen. Die Lehre vom Bunde. Die Lehre vom Adel.
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Es ist ein auserlesenes Schicksal, das diejenigen Tierarten getroffen
hat, die über die Herde hinaus zum Staate vorgedrungen sind. Sie
befinden sich alle in einer Situation, die undurchsichtig ist für alle

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