Hagen, Wilhelm
10 Jahre Nachkriegskinder von Wilhelm Hagen ; Hans Thomae ; Anna Ronge — München, 1962

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Probleme der körperlichen Entwicklung

Wie wächst eigentlich ein Kind, welche Gesetze bestimmen sein Wachstum,
wovon hängt es ab, was kann davon beeinflußt werden ? Das sind die ersten
Fragen, die sich bei unseren Untersuchungen gestellt haben. Und nun zeigt sich
folgendes. Es ist in der letzten Zeit sehr viel davon gesprochen worden, daß die
Kinder immer größer werden, daß sie ihren Eltern über den Kopf wachsen; es
ist das Problem der Akzeleration aufgeworfen worden. Dabei schien es nun zu-
nächst eine generelle Erscheinung zu sein, die alle Kinder betrifft, die durch ir-
gendwelche äußeren Umweltsfaktoren hervorgerufen wird. Nur wußte niemand,
welche Umweltsfaktoren dafür in Betracht kamen. Man dachte an die Dome-
stikation, an alle möglichen andern Gründe. Auch bei unseren Kindern konn-
ten wir feststellen, daß sie größer wurden als die Kinder früherer Zeiten, und
wir versuchten nun, sowohl in der Betrachtung des einzelnen als auch in der
Aufrollung des Gesamtproblems etwas mehr Klarheit zu gewinnen. Seit Beginn
dieses Jahrhunderts sind die Durchschnittsmaße der Schulkinder in den entspre-
chenden Lebensaltern angestiegen. Man bezeichnet diese Erscheinung als Akze-
leration. In der Zeit des ersten Weltkrieges haben die Kinder gehungert. Sie blie-
ben an Größe und Gewicht zurück und holten den Rückstand in der Folgezeit
in großen Sprüngen wieder auf. Unmittelbar nach Beendigung des zweiten
Weltkrieges ertönte wieder der Ruf vom beschleunigten Wachstum der Kin-
der; ja, dieses beschleunigte Wachstum schien sogar bedrohlichen Charakter
anzunehmen. Auch für die Beurteilung unserer Kindergruppe war es natürlich
wichtig zu wissen, inwieweit es sich um eine generelle Erscheinung handelt, in-
wieweit das Einzelkind davon betroffen wird. Zu der Klärung der generellen
Erscheinung war es notwendig, auf ältere Querschnittsuntersuchungen zurück-
zugreifen. So entstand in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt der Stadt
Stuttgart eine Studie über die Entwicklung der Stuttgarter Schulkinder. Hagen
konnte sie durch vergleichende Untersuchungen in Japan ergänzen, wobei sich
die bemerkenswerte Tatsache ergab, daß sowohl für Deutschland als auch für
Japan die Gesetzmäßigkeit des Verlaufs der Größenzunahme der Kinder die
gleiche war. Über diese Untersuchungen ist in einer Monographie „Wachstum
und Gestalt“, im Verlag Georg Thieme, 1961 berichtet worden. Es hat sich ge-
zeigt, daß die fortschreitendeZunahmeder Größenentwicklung der Kinder durch
die beiden Weltkriege zwar unterbrochen, aber nicht aufgehalten war, und daß
in beiden Fällen nach dem Ende der Kriege diese Aufwärtsbewegung sich fort-
setzte, als ob sie durch den Krieg nicht unterbrochen worden wäre. Auch unser

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