Hagen, Wilhelm
10 Jahre Nachkriegskinder von Wilhelm Hagen ; Hans Thomae ; Anna Ronge — München, 1962

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Psychologische Probleme und Ergebnisse
Die Methode der Längsschrpttuntersuchungen, das heißt der in möglichst
gleichen Intervallen erfolgenden Untersuchungen der gleichen Individuen mit
gleichartigen Verfahren, wurde in Europa zunächst von ärztlicher Seite erprobt,
seit den Jahren 1925 — 30 aber in Arbeitsgruppen von Psychologen, Pädiatern,
Psychiatern und anderen Spezialisten in den Vereinigten Staaten, neuerdings
auch in England, Belgien, der Schweiz, Norwegen, Frankreich u. s. f. ange-
wandt (STONE, JONES, Moore, SüNTAG u. a.) Das spezielle Ziel jeder Längs-
schnittuntersuchung ist die Gewinnung von Einsichten in den „eigentlichen“
Entwicklungsverlauf. An Stelle der Konstrukte des Entwicklungsgeschehens,
wie sie in den Phasen- und Stufenmodellen, in den Theorien von einer periodi-,
sehen Wiederkehr ähnlicher Verhaltensweisen und Erlebnissen in der Entwick-
lung auf jeweils „höherer“ Ebene wie in den Gestalttheorien und „Lern“-Theo-
rien der Entwicklung (HARRIS, WERNER, THOMAE 1959, 1961) vorliegen,
möchte man den „wirklichen“ Verlauf des Entwicklungsgeschehens kennen-
lernen. Entstehen jene Konstrukte immer wieder durch die Uminterpretation
von Feststellungen über Unterschiede im Verhalten verschiedener Altersklassen
in Einsichten über Geschehensfolgen, so glaubt man im systematischen Studium
und Vergleich individueller Entwicklungen den wahren Entwicklungsverlauf
gleichsam vor sich selbst zu sehen. Tatsächlich hat die Längsschnittforschung
manche Thesen der Entwicklungspsychologie in Frage gestellt und neue Frage-
stellungen in dem Mittelpunkt gerückt. So wird durch die systematische Be-
obachtung von Individuen mit ähnlichen Methoden etwa das Problem der
Konstanz beziehungsweise der Variabilität von Strukturen stärker in den Vor-
dergrund gerückt. So konnten JONES, GOTTSCHALDT und TERMAN auf auffäl-
lige Konstanzbereiche innerhalb der Persönlichkeit hinweisen, die offensichtlich
von einer auch entwicklungsbedingten Veränderung relativ unabhängig waren.
Während sich diese Resultate auf die Beobachtung von relativ wenigen Indivi-
duen während mehrerer Jahrzehnte beziehen, wird das Phänomen der Kon-
stanz in unseren eigenen Längsschnittuntersuchungen an einer großen Zahl von
Fällen aufgewiesen — freilich vorläufig nur innerhalb des relativ kurzen Zeit-
raumes vom 7. bis 11. Lebensjahr, in dem nach KROH ohnehin eine relativ
große Stetigkeit der Entwicklung zu erwarten war.
Als Instrument der Beurteilung des jeweiligen seelischen Gesamtgefüges diente
dabei die gezielte Verhaltensbeurteilung (RATING) in standardisierten Situa-
tionen. Hierbei wurde das Verhalten jedes Kindes während der jährlichen

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