Hagen, Wilhelm
10 Jahre Nachkriegskinder von Wilhelm Hagen ; Hans Thomae ; Anna Ronge — München, 1962

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Einführung

Die vorliegende Analyse aller erfragten Umweltfaktoren ist als Versuch auf-
zufassen, in einer auf mehrere Stadtkreise und einen Landkreis der Bundes-
republik verteilten auslesefreien Stichprobe von Familien, die 1952 mindestens
einen Schulanfänger hatten, festzustellen, welche Veränderungen sich in der
Umwelt dieser Schulanfänger vollzogen hatten und wieviel Familien davon be-
troffen waren. Der Einwand gegen dieses Vorhaben, daß Änderungen in der
Fragestellung oder neu hinzugenommene Fragen vielfach einen Vergleich zwi-
schen diesen Jahren nicht möglich machen oder zumindest erheblich erschwe-
ren, kann mit dem Hinweis auf die tiefgreifende Wandlung entkräftet werden,
die der Begriff „Umwelt“, seit er von der Sozialhygiene auch in die medizini-
sche Wissenschaft eingeführt wurde, erfahren hat und immer noch erfährt. Diese
Wandlung ist charakterisiert durch eine Verschiebung der Gewichte von den
rein materiellen Problemen, die anfangs mit Recht im Vordergrund standen,
weil sie im wesentlichen ungelöst waren — Einkommen, Wohnverhältnisse,
Arbeitsbedingungen u. a. — zu den Problemen hin, die vorwiegend die Intim-
sphäre der Familie betreffen. Auf die mannigfachen Faktoren, die diese Ver-
änderung bewirkt haben — soziale Bewegung, Tiefenpsychologie, technische
und wirtschaftliche Entwicklung u. a. m. —, kann hier nicht eingegangen wer-
den. Es sei nur betont, daß heute allen Faktoren, die die Beziehungen der Fa-
milienmitglieder untereinander unmittelbar betreffen, eine nicht leicht zu über-
schätzende Bedeutung für die Persönlichkeitsbildung beigemessen wird. Zahl-
reiche, auch wissenschaftlich ausgewertete Beobachtungen, die auf Grund der
schweren, unserer Zeit auferlegten unfreiwilligen „Experimente“, wie Bomben-
nächte, Gefangenschaft, Flucht, Vertreibung — um nur einige zu nennen —, ge-
macht wurden, bestätigen immer wieder die grundlegende Bedeutung des Zu-
sammenbleibens der Familienmitglieder für die Vermeidung eines ernsten psy-
chischen Traumas bei den betroffenen Kindern.
Dieser Erkenntnis haben die im Verlaufe der Untersuchungen neu hinzuge-
kommenen oder die abgeänderten Fragen Rechnung getragen, die teils klarer
herausgearbeitet, teils mit einer differenzierteren Antwortenskala versehen wur-
den. Für die erstmals 1955 klar gestellte Frage, welche Familienmitglieder Zu-
sammenleben, wurden beispielsweise 9 Kombinationen für die Beantwortung
vorgesehen; in den ersten J ahren konnte diese Frage nur unvollständig beant-
wortet werden. Neu aufgenommen wurde 1955 die Frage: „Bei wem ist das

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