Spranger, Eduard
Das Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen in der Erziehung — Heidelberg, 1965

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II. TEIL

VI. DIE MENSCHLICHE EIGENGESETZLICHKEIT
„Stellungnahme“ heißt das große Leitwort der
geistigen Welt. Die Eigengesetzlichkeit, die den
Menschen vor allen anderen Wesen und Dingen
auszeichnet, ist das Vermögen, anzunehmen und
abzulehnen. Das Können aber erhöht sich zur Ver-
pflichtung. Das Stellungnehmen setzt voraus, daß
der Mensch intellektuelle Sinngehalte verstehen
kann, humane Wertgehalte fühlen kann, sich be-
wußt und willentlich zwischen solchen Gehalten
entscheiden kann. Dies ist so sehr der Kern des
Menschen, daß man sogleich hinzufügen darf: in
diesen drei Bestimmungen sei auch schon das Er-
ziehungsziel aller Zeiten formal umschrieben. Denn
sie bedeuten in ihrem Zusammenwirken ein Steue-
rüngssystem. Seine Besonderheit besteht weiter
darin: es ist nicht durch Vererbung festgelegt, son-
dern muß in der Kulturgemeinschaft durch die
ältere Generation erst erweckt und reguliert wer-
den, bis es von sich aus — im Sinn von Normen —
zu funktionieren beginnt.
Der werdende und sich entwickelnde Mensch
wird nicht durch Druck und Stoß bewegt, sondern
auf Grund eigenen Stellungnehmens. Die Kräfte
des Sinnvernehmens und sinnbestimmten Wollens
wachzurufen, ist also die Zentralaufgabe der Erzie-
hung. Sie ist leicht zu formulieren, jedoch äußerst
schwer durchzuführen. Um sich dem geeigneten
Wege zu nähern, muß man das Grundgefüge des
Menschenlebens erst einmal verstanden haben.

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