Spranger, Eduard
Das Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen in der Erziehung — Heidelberg, 1965

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rechter Weg. Die Chinesen haben diesen Gedan-
ken am entschiedensten in die Mitte gerückt.
Je mannigfaltiger aber die Betätigung der
Menschen wird, je komplizierter die Gruppen-
bildungen werden, desto singulärer werden die
Situationen, die eine Entscheidung fordern, desto
mehr muß über die fertige Moral hinaus in ein-
samen Überlegungen und Selbstprüfungen um das
Gerechte oder das Richtige (öqööv) gekämpft wer-
den. So tritt denn das innere Zentrum immer
mehr in den Blickpunkt: „Im Innern ist ein Uni-
versum auch.“ Das Gewissen wird zum entschei-
denden Führer beim Aufbau der Person; Gewis-
senserziehung wird wertkritische Erprobung auf
dem Wege zur Menschwerdung.
VII. DAS VERWANDELTE GESETZ
A. Das Gesetz der ungewollten Nebenwirkun-
gen scheint nach diesem Zwischenspiel in weite
Ferne gerückt zu sein. Nachdem die Eigenart des
menschlich-geistigen Lebensgefüges in Umrissen
angedeutet worden ist, kann die Versuchung, päd-
agogische Einwirkungen als kausale Nötigungen
zu betrachten, kaum noch aufkommen. Zugleich
aber ist die Möglichkeit planmäßiger Erziehung
überhaupt fraglich geworden. Denn wenn die we-
sentlichen Akte, in denen sich die Menschwerdung
bekundet, ganz aus der Tiefe des Subjektes gleich-
sam „geboren“ werden, wie will man von außen
auf ihre Entstehung Einfluß gewinnen? Wie will
man ihnen heraushelfen?

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