Metzger, Wolfgang
Schöpferische Freiheit — Frankfurt am Main, 1962

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DIE BEDEUTUNG DER LEBENDIGKEIT
Was bedeutet die Lebendigkeit — nun einmal wirklich wörtlich
gefaßt — für die Art der Arbeit, die sich mit etwas Lebendem befaßt?
Die Eigenart solcher Arbeit wird deutlich, wenn man sie beispielhafter
Arbeit an unbelebtem Stoff gegenüber stellt: etwa der Herstellung eines
Werkstücks an der Drehbank4).
Die Eigenart der Arbeit am unbelebten Stoff
Die Arbeit am toten Werkstück ist gekennzeichnet durch Ausdrücke
wie „machen“, „herstellen“, „anfertigen“. Welches sind nun die ein-
zelnen Merkmale dieses Anfertigens?
Erstens: Innerhalb der Grenzen, die durch seine eigentümliche
Härte, Zähigkeit, Festigkeit, Sprödigkeit usw. gesetzt sind, kann ich
aus einem toten Werkstück nahezu Beliebiges, und das heißt: un-
begrenzt Verschiedenes, herstellen. Die besondere „Idee“, die bei der
Herstellung verwirklicht wird, liegt im reinen Fall allein im Hersteller.
Sie ist vom Werkstoff selbst nicht vorgegeben. Zwar ist zur Verwirk-
lichung einer bestimmten Idee nicht jeder Stoff verwendbar. Und auch
unter den verwendbaren ist der eine Stoff gefügiger und geeigneter
als der andere. Doch findet man häufig genug, daß der schaffende
Mensch eine ihm vorschwebende Idee einem gegebenen Werkstoff auf-
zwingt; man denke an das steinerne Netz- und Rankenwerk an go-
tischen Bauten. Doch läßt sich auch auf den äußersten Fall einer solchen
der Natur des Werkstoffs fremden Formung der Begriff der Vergewal-
tigung im strengen Sinn nicht anwenden. Wie Freyer es ausdrückt:
„Es gibt keinen Bauxitfrevel, wie es einen Baumfrevel gibt“, und „Es
gibt keine Molekülquälerei, wie es Tierquälerei gibt.“
Zweitens: Auch die Kräfte, die zur Verwirklichung der beabsich-

4) Man vergleiche hierzu auch die inzwischen erschienene meisterhafte Darlegung
des Unterschieds des Umgangs mit dem Lebenden und dem Unbelebten durch Hans
Freyer in seiner „Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“, 1. Aufl. Stuttgart 1955,
und zwar in dem Kapitel über „Die Machbarkeit der Sachen“, S. 15—31.

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