Metzger, Wolfgang
Schöpferische Freiheit — Frankfurt am Main, 1962

Page: 37
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Reinigen eines Lackpinsels kann man sowenig bis morgen warten wie
mit dem Gießen einer Pflanze.
Zum Schluß folge die wunderbare Schilderung des Gestaltens aus
den eigenen inneren Kräften eines lebenden Wesens, die Kakutso
Okakura in dem taoistischen Märchen von der Bezwingung der Harfe
überliefert hat19):
In grauer Vorzeit, im Engpaß von Lung-men, stand einst ein Kiribaum, ein
wahrhafter König des Waldes. Sein Haupt hob er zu den Sternen, um mit ihnen
Zwiesprache zu halten; seine Wurzeln aber senkte er tief in die Erde und um-
klammerte mit ihren Bronzeschlingen den silbernen Drachen, der in der Tiefe
schlummerte. Und es geschah, daß ein mächtiger Zauberer aus diesem Baume eine
Wunderharfe schuf, deren unbändiger Geist nur von dem größten aller Musiker
bezwungen werden sollte. Lange Zeit hindurch ward das Instrument vom Kaiser
von China in seiner Schatzkammer gehütet, vergeblich aber war die Mühe derer, die
nacheinander Melodien aus seinen Saiten zu wecken suchten. Als Antwort auf ihr
heißes Mühen kamen aus der Harfe nur rauhe Töne der Verachtung, die mit den
Liedern, die sie gerne singen wollten, nur übel zusammenstimmten. Die Harfe
weigerte sich, ihren Meister anzuerkennen.
Als letzter kam Peh Ya, der Fürst der Harfner. Mit zarter Hand liebkoste er
die Harfe, wie man ein unbändiges Pferd zur Ruhe zu bringen sucht, und rührte
leise an die Saiten. Er sang von der Natur und von den Jahreszeiten, von hohen
Bergen und strömenden Wassern. Und alle Erinnerungen des Baumes wurden wach.
Noch einmal spielte der süße Hauch des Frühlings durch seine Zweige. Die jungen
Wasserfälle lachten in ihrem Tanze die Schlucht hinab den knospenden Blumen zu.
Dann wurden die schläfrigen Stimmen des Sommers laut, das sanfte Rieseln des
Regens, das Klagelied des Kuckucks. Horch! Das Gebrüll eines Tigers — das Tal
gibt Antwort. Der Herbst ist da; der Mond funkelt schwertscharf auf das bereifte
Gras in der nächtlichen Öde. Jetzt wieder herrscht der Winter, und durch die schnee-
erfüllte Luft tummeln sich Scharen wilder Schwäne, und prasselnde Hagelkörner
klatschen in wilder Lust herab auf kahle Zweige.
Und Peh Ya wechselte die Tonart. Er sang von Liebe. Der Wald neigte sich
wie ein liebeglühender Schäfer, versunken in die Tiefe seiner Gedanken. Oben aber,
eine stolze Jungfrau, fegte eine lichte, schöne Wolke dahin; sie geht vorüber, und
lange Schatten schleifen am Boden, düster wie die Verzweiflung. Und wieder wech-
selte die Stimme. Peh Ya sang vom Kriege, von klirrendem Stahl und stampfenden
Rossen. In der Harfe aber erhob sich das Ungewitter von Lung-men; der Drachen
fuhr auf dem Blitz daher, die donnernden Lawinen dröhnten durch das Tal. — Ver-
zückt begehrte der Kaiser des Himmels zu wissen, worin das Geheimnis von Peh
Ya’s Sieg zu finden sei. „Herr“, lautete die Antwort, „die anderen scheiterten, weil
sie nur von sich selber sangen. Ich überließ es der Harfe, frei ihr eigenes Lied zu
wählen, und wußte in Wahrheit nicht, ob die Harfe Peh Ya oder Peh Ya die
Harfe sei.“

19) Das Buch vom Tee, Inselbücherei 274.

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