Metzger, Wolfgang
Schöpferische Freiheit — Frankfurt am Main, 1962

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GESTALT UND FORM
Die Unterscheidung zwischen Gestalten und starren Formen ist für
unseren ganzen weiteren Gedankengang grundlegend. Wir machen uns
daher keiner Abschweifung von dem Gegenstand unseres Nachdenkens
schuldig, wenn wir uns bei ihrer Klärung und Verdeutlichung etwas
länger aufhalten, auch unsere ersten Beispiele zur leichteren Verstän-
digung aus Gebieten nehmen, die mit unserer Frage nicht unmittelbar
zu tun haben28).
Es gibt beide Arten geformter Gebilde in allen Bereichen des Seins:
Im Reich des Unbelebten, des Lebendigen, der Seele, der Gemein-
schaft, des Geistes.
Beispiele aus der unbelebten Natur
In der unbelebten Natur ist das nächstliegende und einfachste Bei-
spiel und Merkbild die Kugel. Eine Kugel als „Form“, die durch eigene
Starrheit erhalten bleibt oder durch die starre Form eines Gefäßes
äußerlich aufgezwungen wird, haben wir in einem rund geschliffenen
Stein, in einer zur Kugel gepreßten Blechschale, aber auch in der
„Form“ der Flüssigkeit, für die diese Schale etwa das Gefäß ist.
Wird eine starre Form durch äußere Einwirkung in einem be-
grenzten Bereich gestört, so ist diese Störung unabänderlich. Die Delle
in der Blechkugel glättet sich nicht aus. Die „Wunde“ der Steinkugel
wächst nicht zu; die Trümmer zeigen keine Neigung, sich wieder zu
vereinigen. Von außen bewirkte örtliche Störungen können allen-
falls durch geeignete erneute Eingriffe von außen wieder rückgängig
gemacht werden. Dafür bleiben sie auf ihren Ort beschränkt und än-
dern nicht den unangegriffenen Rest. Ein Stoß, der ein Stück aus der
St'einkugel herausbricht oder eine Stelle der Blechkugel eindrückt, läßt
den Rest der Kugelform unverändert. Die aufgezwungene Form des
sich nicht selbst gestaltenden flüssigen Inhalts folgt allen Verände-
28) Für den Gedankengang dieses Kapitels sind zwei Schriften von Wolfgang
Köhler grundlegend: 1. Die physischen Gestalten in Ruhe und im stationären Zu-
stand, XX und 263 S., Braunschweig 1920. — 2. Gestaltprobleme und Anfänge einer
Gestalttheorie, in Jahresberichte über die gesamte Physiologie 3 (1924).

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