Metzger, Wolfgang
Schöpferische Freiheit — Frankfurt am Main, 1962

Page: 62
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WAS BEDEUTET FREIHEIT
BEI DEN SCHÖPFERISCHEN TÄTIGKEITEN?
Wir hatten oben die Frage offengelassen, was „Freiheit“ bei dem
Bestreben, mit einem lebenden Wesen eine bestimmte Absicht zu er-
reichen, und möglicherweise auch bei einer sonstigen Gestaltungs-
aufgabe bedeuten könne. Wir sind nun vorbereitet, diese Frage auf
eine Weise zu beantworten, die vielleicht einige fruchtbaren Folgerun-
gen zuläßt. Wir versuchen dazu, was wir meinen, nochmals an einer
einfachen Aufgabe aus der unbelebten Natur zu erläutern41).
Die zwei Weisen der Ziel-Erreichung
Es sei aufgegeben, unter Ausnutzung der in der Natur verfügbaren
Möglichkeiten zu erreichen, daß ein Gegenstand G, der sich an einem
Punkte P befindet, sich von dort an eine andere Stelle Q des Raumes
begibt und dort bleibt. Seine Zusammensetzung darf ich beliebig wäh-
len. Doch darf ich ihn nicht einfach mit der Hand von der einen Stelle
wegnehmen und an die andere legen.
Eine solche Aufgabe läßt sich grundsätzlich auf zweierlei Weisen
lösen, deren genauere Beschreibung für alles Folgende von größter
Wichtigkeit ist.
Die erste Weise der Durchführung zerfällt in zwei Teilauf gaben:
Erste Teilaufgabe: Ich verbaue den Raum um P und Q durch Wände
derart, daß der Gegenstand, falls er sich in Bewegung setzen sollte,
verhindert wird, irgendwo anders hinzugelangen, als nach Q; ich be-
schränke die „Freiheitsgrade“ seiner Verschiebbarkeit auf einen ein-
zigen, nämlich den Weg von P nach Q. Ich zwinge ihn durch feste
Wände oder Geleise, auf diesem Weg zu bleiben.
Nun erst kann ich zur zweiten Teilaufgabe übergehen. Ich führe
dem Gegenstand Bewegungsenergie zu. Beispielsweise versetze ich ihm
einen Stoß in Richtung auf Q. Ist einerseits der Stoß, im Verhältnis zur
Entfernung zwischen P und Q und der auf dem Weg zu erwartenden

41) Vgl. W. Köhler, Gestaltprobleme usw. — Angeführt S. 45.

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