Metzger, Wolfgang
Schöpferische Freiheit — Frankfurt am Main, 1962

Page: 121
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ZUR FRAGE DER
LEHRBARKEIT SCHÖPFERISCHEN GESTALTENS

„Komponieren ist ein ganz niederträchtiges Wort, das wir
den Franzosen zu danken haben und das wir sobald wie mög-
lich wieder loszuwerden suchen sollten. Wie kann man sagen,
Mozart habe seinen „Don Juan“ komponiert! — Kompo-
sition! — Als ob es ein Stück Kuchen oder Biskuit wäre, das
man aus Eiern, Mehl und Zucker zusammenrührt! Eine gei-
stige Schöpfung ist es, das Einzelne wie das Ganze aus Einem
Geist und Guß und von dem Hauche Eines Lebens durch-
drungen, wobei der Produzierende keineswegs versuchte und
stückelte und nach Willkür verfuhr, sondern wobei der dä-
monische Geist seines Genius ihn in der Gewalt hatte, so daß
er ausführen mußte, was jener gebot —
Goethe am 20. 6. 1831 zu Eckermann.
Ein neugieriger Besucher wollte von einem Komponisten
wissen, wie er auf die Einfälle für seine Melodien komme, wie
er sie finde. Der Komponist, dem der Besucher lästig fiel, sagte:
„O, das ist einfach; ich nehme eine Anzahl Noten und mache
Permutationen.“
Max Wertheimer

Kunstwerk und inneres Bild
Das schöpferische Gestalten steht in der Mitte zwischen dem schöp-
ferischen Denken und dem schöpferischen Handeln, wenigstens wenn
wir uns auf seine Kerngebiete beschränken, auf das Formen und Bilden
in unbelebten Stoffen: die Baukunst, die Malerei, die Bildnerei und die
Verzierungskunst, dazu das Dichten in Worten und Klängen. Denn
wenn auch der künstlerische Gedanke sich hier durchaus dem Werk-
stoff anpassen muß, der ihm verfügbar ist, so stammt doch alles
Wesentliche der Erfindung aus dem Künstler selbst, und auch in der
Durchführung ist viel mehr seinem tätigen Eingreifen überlassen als
in dem handelnden Umgang mit Lebendigem.
Das dem Künstler vorschwebende innere Bild ist eine Gestalt im
strengsten Sinne des Wortes: Es wird nicht gemacht, nicht zusammen-
gefügt, nicht „komponiert“. Mit anderen Worten: Das innere Bild

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