Metzger, Wolfgang
Schöpferische Freiheit — Frankfurt am Main, 1962

Page: 146
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/CR5000M596-2/0146
0.5
1 cm
facsimile
4

ZUR FRAGE DER
LEHRBARKEIT SCHÖPFERISCHEN HANDELNS
„Ja, ja, mein Guter, man braucht nicht bloß Gedichte urfd
Schauspiele zu machen, um produktiv zu sein, es gibt auch
eine Produktivität der Taten, und die in manchen Fällen noch
um ein Bedeutendes höher steht. Selbst der Arzt muß pro-
duktiv sein, wenn er wahrhaft heilen will; ist er es nicht,
so wird ihm nur hin und wieder wie durch Zufall etwas
gelingen, im ganzen aber wird er nur Pfuscherei machen.“
Goethe zu Eckermann am 11. März 1828.
Uber das schöpferische Handeln ist bei uns viel weniger wissenschaft-
liche Vorarbeit verfügbar, die man ohne weiteres in Ausbildungs-
anweisungen ausmünzen könnte, als über das Denken und Gestalten.
Um so mehr im Fernen Osten. Eine sehr allgemeine, freilich ungemein
anspruchsvolle Grundschulung des schöpferischen Handelns ist die
Ausbildung der Mitglieder der sogenannten Zen-Schule121). Und der
schon öfter genannte Tao Te King des Lao Tse ist nichts anderes als
eine Anweisung zum schöpferischen Handeln für ein Staatsoberhaupt,
durch deren östlich überspitzte Ausdrucksweise — und deren, in Un-
kenntnis des Grundgedankens, vielfach mehr oder weniger sinnwidrige
oder sinnleere Übersetzungen — man freilich lernen muß, zum eigent-
lich Gemeinten hindurchzudringen. Es seien hier einige hergehörige
Sätze aus dem zweiten Spruch angeführt: Der Weise wirkt, aber macht
nicht (er versucht nichts Künstliches, Unorganisches). Tun, nicht Reden
ist seine Lehre (er gibt keine Vorschriften). Alle Wesen entstehen, und
er läßt sie so bleiben (verzichtet auf gewaltsame Eingriffe) — er schafft
und begehrt’s nicht. Er tut und kümmert sich nicht, ob er beachtet wird.
Er vollbringt und eignet’s sich nicht an. Eignet er sich’s nicht an, so
verliert er’s auch nicht.
Die Voraussetzungen des schöpferischen Handelns
Schöpferisches Handeln stimmt mit dem schöpferischen Denken und
dem schöpferischen Gestalten darin überein, und unterscheidet sich

121) D. T. Suzuki, The Training of the Zen Buddhist Monk, Kyoto 1934.

146
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list