Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

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EINLEITUNG

Humboldt-Bild und Humboldt-Deutung im 20. Jahrhundert

Jede Zeit steht in einem bestimmten Verhältnis zur Geschichte, und die Wandlungen in
dieser Geschichtsauffassung spiegeln zugleich die für die Zeit charakteristischen Grund-
züge. Nie vermag es der Geschichtsforscher, das historisch Gewordene rein aufzufassen
und darzustellen. Immer mißt er die Vergangenheit auch mit den Kategorien der Gegen-
wart, denen er sich nicht entziehen kann, da er in dieser Gegenwart lebt und ihr wesentlich
angehört. Jede Vergegenwärtigung der Vergangenheit ist somit schon Deutung. Deshalb
findet die Vergangenheit in ihrem ursprünglichen Ablauf, in der Auffassung der in ihr
wirksam gewesenen Kräfte keine objektive, nur auf die Vergangenheit als Vergangen-
heit bezogene Darstellung, sondern jede Auffassung vergangener Zeit prägt für den
Historiker ungewollt und unbewußt das Denken der Gegenwart in einen zunächst rein
historischen Sachverhalt hinein. Eine getreue Rekonstruktion historischer Wirklichkeit
kann und muß zwar angestrebt werden, findet ihre Grenze aber jeweils in dem Ausgangs-
punkt der Forschung von der Gegenwart her. Diese Einsicht begründet keinen Skeptizis-
mus hinsichtlich der historischen Objektivität, sondern lediglich die Auffassung, daß zu
bestimmten Zeiten bestimmte Seiten der Geschichte in den Mittelpunkt rücken, während
andere historische Züge erst wieder „entdeckt“ werden können, wenn die Zeit andere
Voraussetzungen geschaffen hat.
Daher bedeutet jedes Ergreifen der geschichtlichen Wirklichkeit Auseinandersetzung von
der Gegenwart her mit dem Vergangenen, in sich Abgeschlossenen und Vollendeten. Diese
Auseinandersetzung ist nun zwar, bedingt durch den immer gegebenen Gegenwartsbezug,
ihrem Wesen nach subjektiv. Sie enthält aber auch ein objektives Moment, indem sie
unvoreingenommen in das hineinzuhorchen versucht, mit dem sie sich auseinandersetzen
wiil und so eine willkürliche Umgestaltung eines geschichtlichen Sachverhaltes vermeidet.
Der Sinn einer solchen Auseinandersetzung ist nun nicht, Geschichte in der Weise „nutz-
bar“ zu machen, daß die Gegenwart aus ihr lernt; denn eine Übertragung historischer
Gegebenheiten auf die Situation der jeweils gegenwärtigen Zeit bleibt schon deshalb
fruchtlos, weil die Gegenwart als Wirklichkeit dieser Zeit von jeder anderen Situation
der Geschichte notwendig verschieden sein muß. Eine solche Auseinandersetzung soll auch
in erster Linie keine Mittel liefern für den Kampf innerhalb des geistigen Lebens der
Zeit. Vielmehr vermittelt eine solche auseinandersetzende Haltung zu der Geschichte ein
Selbstverständnis des Menschen, ein tieferes Verständnis der eigenen Situation durch
Auffassung jener Grundelemente, die die geistige Lage der Zeit in ihrem so und nicht
anders bestimmten Eigensein kennzeichnen. In ihr erscheint die Geschichtlichkeit des
Menschen.
Da nun die jeweilige Gegenwart in steter Umwandlung begriffen ist und immer zu
einer anderen wird, ändert sich auch die Auseinandersetzung mit einem historischen Sach-
verhalt oder einer geschichtlich gewordenen Persönlichkeit; denn immer sind es die An-

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