Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

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I. Ansatz- und Ausgangspunkte
für Humboldts Auseinandersetzung mit dem
Problem des Menschen

Das Werk Humboldts, in so viele scheinbar heterogene Gebiete es sich zu verlieren
scheint — Ethik, Ästhetik, Erkenntnistheorie, Anthropologie, Psychologie, Sprachwissen-
schaft, Sprachphilosophie, Politik — bildet eine große Einheit. Diese Einheit ist eine Einheit
der Methode, nach der auch die verschiedenartigsten Gegenstände auf ein und dieselbe
Weise angegangen werden. Sie ist aber auch zuerst und vor allem anderen eine Einheit
des Themas, insofern das Denken Humboldts nur auf den einen Gegenstand wesentlich
gerichtet bleibt, der in all seinen Arbeiten immer wieder den Endzweck seiner Bemühun-
gen darstellt: den Menschen. Alle seine Arbeiten zielen auf die ihm vorschwebende
Theorie der Menschenkenntnis und Menschenbildung und finden in ihr ihren Mittel-
punkt.1) „Nur der Mensch“, schreibt Humboldt an seine Braut am 1. Mai 1791, „ist es
eigentlich, auf den sich alles Wissens schrankenloser Kreis zurückzieht. Er ist des Men-
schen ewiges, nur bald mittelbares, bald unmittelbares Studium. Aber meist vermögen
wir ihn nur zu erkennen an kalten, toten, unfruchtbaren Zeichen, meist wird uns nur die
Summe seiner Wirkungen, nicht sein inneres, lebendiges, ewig reges Wirken offenbar.
Daher kommt es, daß wir soviel Wert ... auf die Resultate der Dinge legen, daß wir die
Kraft vernachlässigen, wie sie an sich ist und wirkt.“2) Humboldts Gesamtwerk ist nichts
anderes als der großangelegte Versuch, eine Wissenschaft vom Menschen zu begründen.3)
Als Ziel seiner Arbeiten schwebt ihm vor: „die Charakteristik des menschlichen Gemüths
in seinen möglichen Anlagen und in den wirklichen Verschiedenheiten“.4)
Welche Gründe aber bestimmen Humboldt, sich mit einer solchen und zu seiner Zeit
auch für die anthropologische Forschung neuen Fragestellung auseinanderzusetzen? Hum-
boldt teilt mit seiner Epoche das anthropologische Interesse, fremde Eigentümlichkeiten
kennenlernen und verstehen zu wollen. Sein ganzes Leben erscheint als ein einziges
Studium des Menschen in der Vielfalt seiner Formen und Äußerungen, seines Seins, seines
Lebens und Existierens. In nahezu zahllosen Äußerungen seines Briefwerkes, in seinen
Tagebüchern, aber auch in seinen wissenschaftlichen Abhandlungen variiert er diesen
Gedanken.
Seine immer wieder unternommenen Reisen entspringen seinem unmittelbaren Interesse
am lebendigen Menschen. Sie bieten ihm nicht einen gelegentlichen Anlaß zur Menschen-
beobachtung, sondern ihr ausgesprochener Zweck ist die Menschenkenntnis.5) Bei dem
Studium der Eigentümlichkeiten eines Menschen oder einer Nation ist die lebendige
Anschauung das entscheidende Mittel des Kennenlernens. Das bedeutet, daß man den
Menschen sehen, in seiner Individualität vor Augen haben muß, daß man, um einen
fremden Nationalcharakter zu entdecken, das Land bereisen und sich durch eigene An-
schauung ein Bild von ihm machen muß. Montaigne, Locke, Rousseau waren ihm in dieser
Auffassung vorangegangen.6) In dem ersten Brief der „Mus4e des petits Augustins“
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Lehrstuhl für Pädagogik
Technische Hochschule Darmstadt
61 Darmstadt, Neckarstraße 3
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