Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

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schreibt Humboldt 1799 an Goethe: „Wenn ich auf der Strasse gehe, wenn ich eine
Wachparade vorbeimarschiren sehe, wenn ich mich unter einer versammelten Volksmasse
befinde, so geniesse ich nicht nur eines angenehmen und ergötzenden Schauspiels, sondern
das Bild der Menschheit in meiner Phantasie gewinnt auch neue und interessante Seiten
mehr, besonders wenn, wie hier in Frankreich, auch die untersten Volksklassen, durch
einen höhern Grad der Kultur, eine grössere Individualität der Gesichtszüge besitzen.“7)
Und in der 1800 niedergeschriebenen und an Goethe adressierten Abhandlung über den
„Montserrat bei Barcelona“ erklärt Humboldt in den das Allgemeine hervorhebenden
Vorbemerkungen: „Mir von fremdartiger Eigenthümlichkeit einen anschaulichen Begriff
zu verschaffen, war, was ich vorzüglich bei meinen Reisen beabsichtigte. Um das Ausland
wissenschaftlich zu kennen, ist es nur selten nöthig, es selbst zu besuchen; Bücher und
Briefwechsel sind dazu weit sichrere Hülfsmittel, als eignes Einholen immer unvoll-
ständiger und selten zuverlässiger Nachrichten. Aber um eine fremde Nation eigentlich
zu begreifen, um den Schlüssel zur Erklärung ihrer Eigenthümlichkeit in jeder Gattung
zu erhalten, ja selbst nur um viele ihrer Schriftsteller vollkommen zu verstehen, ist es
schlechterdings nothwendig, sie mit eignen Augen gesehen zu haben.“8) Humboldt unter-
scheidet an dieser Stelle zwischen einem wissenschaftlichen Kennenlernen und dem „eigent-
lichen“ Begreifen. Die Wissenschaft vermag zwar, Erkenntnisse in abstrakten Begriffen
festzuhalten; aber ein lebendiges Bild von etwas erhält man nach Humboldt nur durch
das lebendige Anschauen eines Gegenstandes, durch das für Humboldt das eigentliche
Begreifen, die wahre Erkenntnis überhaupt erst möglich wird. So erwähnt Humboldt
einmal, wer nie einen spanischen Eseltreiber gesehen habe, der könne unmöglich Don
Quixote ganz verstehen. Die unmittelbare, sich nie erschöpfende Beobachtung des je
existierenden Menschen bildet für Humboldt den entscheidenden Ausgangspunkt seiner
Menschenauffassung. Es ist falsch zu sagen, Humboldt kenne und schätze nur den
ästhetischen Menschen. Humboldt sucht und findet vielmehr den Menschen in der Viel-
falt aller menschlichen Situationen. Er besucht Zuchthäuser und Besserungsanstalten,
Marktplätze, Rathäuser, Schulen, Stätten, an denen er den verschiedensten Menschen
begegnet, sei es in der anonymen Masse, sei es in ausgeprägter, nicht selten anormaler
Eigentümlichkeit. Eine Menge merkwürdiger psychologischer Beobachtungen ist in den
Tagebuchaufzeichnungen und Briefen des jungen Humboldt enthalten.9) Er reist von Ort
zu Ort und stellt die unmittelbare Anschauung des Menschen an den Anfang all seiner
Überlegungen: „Bei der Beobachtung des Menschen kommt alles auf das anschauliche Bild
des Gegenstandes an; das Denken und Erklären von Handlungen, das Entziffern von
Reden und Schriften selbst ist nur wenig ohne den wirklichen Anblick der Person.“10)
Nun ist jedoch dieses Sich-Aneignen fremden Menschentums, das verbunden ist mit einer
strengen Selbstbeobachtung, kein genüßliches Sich-Hingeben oder gar Sich-Verlieren an
die bunte Pracht und Vielfalt des gelebten menschlichen Lebens. Humboldts Interesse
am Menschen entspringt keiner psychologischen Neugier, die sich darin gefällt, Ab-
normitäten zu konstatieren und Absonderlichkeiten zu beschreiben. Diese Menschen-
beobachtung geschieht nicht nur zufällig. Sie ist keineswegs eine gelegentliche, wenngleich
recht abwechslungsreiche Beschäftigung eines viel umherreisenden Weltmannes. Hum-
boldt macht sie vielmehr zum Ausgangspunkt und zur Grundlage einer neu zu erstellen-
den Wissenschaft, die das Sein des Menschen in Hinsicht auf seine mögliche Bildung zu
umfassen trachtet. Gewiß spielt die Einsamkeit Humboldts, der sich bis in sein letztes

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