Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

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II. Die Grundlegung der vergleichenden Anthropologie

1. Der Sinn und die Aufgaben der vergleichenden Anthropologie
Humboldt entwickelt den Sinn und die Aufgabenstellung einer vergleichenden Anthro-
pologie zum ersten Male in systematischer Absicht in dem zu Anfang des Jahres 1797
niedergeschriebenen „Plan einer vergleichenden Anthropologie“, der, noch unfertig, mehr
eine Skizze, ein Schema als einen vollgültigen, inhaltlich ausgeführten Entwurf darstellt.
In der ebenfalls Fragment gebliebenen Abhandlung „Das achtzehnte Jahrhundert“ nimmt
Humboldt denselben Problemkreis wieder auf, äußert sich auch ausführlicher zu man-
cher schon im „Plan“ aufgeworfenen Frage, ohne jedoch zu entscheidend weiterführenden
Erkenntnissen über die in dem „Plan“ skizzierten Gedankengänge hinaus zu ge-
langen.1)
Beiden Entwürfen kommt insofern Bedeutung zu, als Humboldt in ihnen zum ersten
Male in der Geschichte der Anthropologie eine bewußt systematische Erörterung ihres
Gegenstandes und ihrer Verfahrensweise anstrebt und eine wissenschaftstheoretische
Grundlegung zu geben beabsichtigt. Über vielfältige und zerstreute Einzelbemerkungen
in wenig systematischer Geschlossenheit hinweg will Humboldt das Fundament zu einer
Wissenschaft vom Menschen legen. Ihr Objekt ist der ganze Mensch in allen seinen
Äußerungen, in seinem seelischen, geistigen und körperlichen Sein. So ist der Mensch
nicht nur als Geistwesen Gegenstand des Humboldtschen Denkens, wie etwa zur Zeit
der Aufklärung, die Humboldts Ansicht nach „die Geschlechter der Menschen zu sehr
als Vernunft und Verstandeswesen, zu wenig als Naturproducte betrachtet“2) habe.
Humboldt versucht vielmehr in enger Zusammenarbeit mit Goethe Anschluß an die
naturwissenschaftlichen Fortschritte seiner Zeit zu gewinnen und durch anatomische und
physiologische Studien auch die körperliche Beschaffenheit des Menschen zu ergründen;
denn der Körper ist ihm nicht nur etwas Äußeres, notwendige Hülle des für den Men-
schen konstitutiven Geistes, sondern Körper, Geist, Seele als gleichberechtigte Partner
bilden für ihn erst den Menschen in seiner Totalität, und gerade ihren geheimsten Ver-
schränkungen und Wechselwirkungen will er nachspüren. Der Mensch ist für Humboldt
nicht reduziert auf ein „Ich denke“, sondern alle seine Äußerungen sind in gleicher Weise
wichtig für ihn. Gerade das Hin und Her der einen menschlichen Funktion zur anderen
erregt sein Interesse. Der Mensch in seiner lebendigen Ganzheit wird ihm zum Problem
und zum dauernden Gegenstand seines Denkens. Diese Ganzheit soll erfaßt, nicht in
'Gele Teile zerlegt und zerstückelt werden.
Schon auf seiner Schweizer Reise beschäftigt ihn diese Frage. So kritisiert er Iths Plan
einer Anthropologie, weil er seiner Meinung nach zu sehr „nach den aelteren Wölfischen
Begriffen“ entworfen ist, und entwickelt demgegenüber seine Idee einer Anthropologie:
„Immer aber ist mirs, als wäre man noch vorzüglich darin in der anthropologie zurük,
den menschen in der that als ein ganzes anzusehn, alle seine verschiednen Seiten - des
geistes, des herzens, des körpers - in ihrem Zusammenhänge zu kennen, in dem sie nichts

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