Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

Page: 94
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III. Der philosophische Hintergrund der Lehre vom Menschen:
Grundbegriffe und
Grundbeziehungen der Humboldtschen Anthropologie

Humboldts Versuch, eine Wissenschaft vom Menschen in der Weise grundzulegen, daß er
von dem menschlichen Einzelsein ausgeht und es unter dem Gesichtspunkt der Bildung
zu fassen unternimmt, führt jedoch notwendig auch zu bestimmten inhaltlichen Fest-
legungen, zu Erörterungen über das, was allen Individuen gemeinsam ist. In diesen
Ausführungen geht es Humboldt darum, über die Methodenlehre und Gegenstandsbestim-
mung hinaus auf gewisse Festpunkte zu verweisen, von denen her die Individualität
näher bestimmbar wird. Humboldt kann auf eine Reihe tragender Begriffe einer ihm
gemäßen philosophischen Anthropologie nicht verzichten, die er aber nicht in systema-
tischer Absicht zu klären unternimmt. Diese Grundbegriffe bedingen wesentlich die An-
schauung Humboldts vom Menschen und führen in die Mitte seiner Lehre selbst. Sie
bilden nicht nur begriffliche Voraussetzungen, sondern sind entscheidende Eckpfeiler seines
anthropologischen Denkens. Das bedeutet jedoch nicht, daß Humboldt eine philosophische
Anthropologie begründen will, sondern er setzt sie voraus. Mit wünsdienswerter Deut-
lichkeit bemerkt er in dem „Plan einer vergleichenden Anthropologie“: die vergleichende
Anthropologie stütze sich auf die „allgemeine“, d. h. die philosophische, und setze den
„Gattungscharakter“ des Menschen als bekannt voraus.1) Aber die tragenden Gedanken
einer im Hintergrund sich haltenden philosophischen Anthropologie scheinen immer
wieder durch den Entwurf hindurch und durchwirken trotz der nur ansatzweise und
nur gelegentlich von Fall zu Fall durchgeführten Klärung der Grundbegriffe seine anthro-
pologischen Erörterungen, so daß die Sichtbarmachung des Charakters seiner Anthro-
pologie auch die Erhellung der einer philosophischen Anthropologie im engeren Sinne
zuzuweisenden Begriffe und Beziehungen erforderlich macht. Es erweist sich dabei, daß
Humboldt keineswegs eine schon vorliegende philosophische Anthropologie oder die
Grundzüge eines philosophischen Systems, etwa des kantischen, in der Weise „benutzt“,
daß er lediglich ihre über den Bereich eindeutiger, begrifflich zu fassender, philosophisch
allgemeiner Aussage hinausführenden Klärungen angreift, sondern es wird vielmehr
offensichtlich, wie die keineswegs zu einem vollen System ausgebaute Anthropologie
auch in ihren letzten Ideen von dem originären Ansatz Humboldts bestimmt und durch-
gehalten wird. So bewirkt die Reflexion über die Methoden zur Erfassung der Indi-
vidualität des Individuellen eine bestimmte philosophische Anthropologie, die der Viel-
fältigkeit menschlichen Seins Rechnung tragen soll. Humboldt muß diese Auffassung
deshalb voraussetzen, weil das Besondere, die menschliche Individualität, der individuelle
Mensch überhaupt, erst in dem Durchgang durch sie in ihrem Eigensein gesucht werden
können, indem die Vorstellungen von dem, was Mensch überhaupt ist, voranleuchten.
Der Mensch ist naturhafter Körper, ist physische Existenz wie das Tier, doch mehr auch:
er ist das erkennende Wesen, der Geschichte verpflichtet und verbunden, Kultur gestal-

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