Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

Page: 175
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/DD7281M551/0179
0.5
1 cm
facsimile
IV. Die Hauptfächer der
vergleichenden Anthropologie Humboldts

In der Gegenstandsbestimmung der Anthropologie Humboldts wurde das Individuum als
das Fragwürdige erkannt. Handelt die philosophische Anthropologie von dem Menschen
als Menschen überhaupt, so muß die Humboldtsche Anthropologie, um zur Erkenntnis
des Wirklichen zu gelangen, über letzte allgemeine Bestimmungen des Menschseins über-
haupt hinaus weiter ausgreifen, um nicht von einer blutleeren Abstraktion, sondern von
dem wirklichen, dem individuellen Menschen zu sprechen. Die Unterschiede zwischen den
Rassen und den geschichtlichen Epochen müssen beachtet werden. Fragen einer im mo-
dernen Sinne sich verstehenden Charakterologie und Typologie drängen sich auf, die die
Mannigfaltigkeit des Wirklichen bewahren, ordnen, aber nicht zerstören sollen. Darf
überhaupt bedenkenlos in einer Anthropologie, die sich in dem Begriff der Bildung
gründet, über Mann und Frau, Kind und Greis das Gleiche ausgesagt werden? Mensch ist
für Humboldt nur ein Sammelname für eine beliebig große Zahl der verschiedenartigsten
Individuen und Schicksale. „Der Mensch“, so heißt es bei Humboldt, „ist nur sehr im
Allgemeinen dem Menschen ähnlich, in sich ist jeder ein Verschiedener, ein Eignes und
ein Ganzes von Anlagen, Vermögen und Bestrebungen, und rollt, anziehend und ab-
stossend, in seiner eigenen Bahn dahin.“1) Allgemeine Aussagen über das Menschsein sind
notwendig, und sie bleiben für Humboldt der tragende Grund aller weiteren Bestim-
mungen; aber sie bilden nur die eine Seite seines Menschen Verständnisses, die notwendig
im nur Abstrakten und Theoretischen verharrt. Die andere Seite zeigt die Fülle des
Wirklichen, das nicht in Abstraktionen aufgehoben, sondern als dieses Wirkliche erkannt
und behandelt werden soll. Gerade in der Bestimmung dieses Wirklichen aber sieht
Humboldt ja den letzten Sinn seiner Leistung. Da er mit Hilfe einer philosophischen
Anthropologie aber doch nur sehr bedingt an dieses Wirkliche heranlangt, gilt es für ihn
innerhalb seiner Lehre vom Menschen, die ja, wie schon gezeigt wurde, aus dem Bereich
des nur Philosophischen heraustritt, Disziplinen einzelwissenschaftlicher Natur zu ent-
wickeln, die über die Frage nach dem Wesen des Menschen, die sie schon voraussetzen,
hinausgehen, und die Antwort auf die Frage nach dem unverwechselbaren Eigensein
dieses Individuums geben sollen. Deshalb treten die sinnliche Anschauung, das Empirische
deutlich hervor. Diese „einzelwissenschaftlichen“ Disziplinen bringen das Körperhafte,
die Bindung des einzelnen zu erkennenden Menschen an einen bestimmten Raum und
an eine bestimmte Zeit stärker zum Tragen. Um den Menschen zu erkennen, sind alle
seine Äußerungen wichtig. Nicht nur die intellektuellen und moralischen, sondern eben
auch die physischen Eigenarten haben Ausdruckswert für die Deutung der Individualität
in ihrer Wesentlichkeit. Doch verfällt Humboldt nicht in den Fehler einer einzelwissen-
schaftlichen Anthropologie, die sich absolut dünkt, sondern er will ein Bild der Mensch-
heit, das eine nahtlose Synthese darstellt aus dem apriorischen Ideal und aus der Er-
fahrung der wirklichen Menschheit. Vernunft und Verstand auf der einen Seite, Sinnlich-

175
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list