Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

Page: 176
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keit, Anschauung, Erfahrung auf der anderen Seite will Humboldt in einem harmonischen
Zusammenklang einen.
Von den aus dieser Sicht faßbaren zahlreichen Einzeldisziplinen, die zu einer Lehre vom
Menschen gehören, entwickelt Humboldt besonders zwei: die Physiognomik und die
Geschlechtsphilosophie. Das im Grunde unsystematische Denken Humboldts, das nicht
auf wissenschaftliche Vollständigkeit hinzielt, verhindert die volle Entfaltung eines
Kosmos von Einzeldisziplinen, die auch von der Anschauung, vom sinnlich Gegebenen
aus zur Klärung der menschlichen Individualität beitragen. Sie alle bleiben doch dem
letzten jenseits ihres Bereiches liegenden Bezugspunkt, der Bildung der Individualität,
untergeordnet. Jede für sich genommen reicht nicht aus, den Menschen in seiner Grund-
struktur, in dem ihm je eigenen Sein zu erfassen und zu bestimmen. Dieser entscheidende
Mangel ist allen Einzeldisziplinen der Humboldtschen Anthropologie, die somit als Hilfs-
disziplinen verstanden werden, zu eigen. Humboldt kennzeichnet diesen Mangel: Sie
„sammeln die Aeusserungen des Charakters, sondern die unwichtigen von den wichtigen
ab, ordnen die letzteren unter gewisse Gesichtspunkte und geben dadurch zwar der
Phantasie ein vollständiges und bestimmtes Bild, das zum praktischen Lebensgebrauch
hinreicht, bereiten auch wohl die strengere philosophische Beurtheilung vor; aber immer
lassen sie etwas als unbekannt und unausgesprochen zurück, und man kann es sich keines-
wegs verbergen, dass diess gerade das ist, worauf es am meisten ankommen würde, das
eigentliche Ich, die individuelle Persönlichkeit“.1 2) Die Hilfsdisziplinen sind für eine
empirisch-philosophische Theorie der Menschenkenntnis unentbehrlich und notwendig,
reichen jedoch nicht aus, den Menschen in seiner Grundstruktur, in dem ihm je eigenen
Sein zu erfassen und zu bestimmen. Doch tastet sich Humboldt durch sie näher an das
Geheimnis der Individualität heran und versucht, objektive Kriterien zu gewinnen, die
eben dieses Individuum als dieses ausdrücken. Mit ihnen will er die Kluft zwischen dem
allgemein beschreibenden Begriff und der menschlichen Individualität überwinden.
In dem Zusammen und Zugleich dieser von der Anschauung her begründeten Disziplinen
mit den apriorischen Setzungen seines Menschenbildes liegt das fruchtbare Spannungsfeld
der Humboldtschen Anthropologie, die zwar nicht zwischen philosophischer und einzel-
wissenschaftlicher Anthropologie „vermitteln“ will, was unmöglich ist, wohl aber beide
Aspekte einer Lehre vom Menschen aufgreifen und, zwischen diesen möglichen Aspekten
des Menschen in die Mitte gestellt, den einzelnen Menschen verstehen und auf seine
mögliche Bildung hin befragen und untersuchen will.3) Die durchdachteste und am besten
ausgeführte ist in diesem Bereich der Humboldtschen Anthropologie die Physiognomik.
1. Die Physiognomik
Physiognomische Studien sind eine nicht ganz ernst genommene und tändelnde Mode-
angelegenheit jener Tage, und der junge Humboldt beschäftigt sich schon im Berliner
Zirkel der Henriette Herz mit physiognomischen Fragen, ohne jedoch schon in ent-
scheidender Weise zu dem eigentlichen Problem: dem Grund der Übereinstimmung von
Äußerlichkeit und innerer seelischer Konstitution durchzustoßen, das den jungen Herder,
das Wieland, Mendelssohn, Jacobi und Goethe, die an eine von England nach Deutsch-
land einwirkende platonische Tradition anknüpfen, zu je wiederholten Lösungsversuchen
aufgerufen hatte. Die beiden entscheidenden Ausgangspunkte für Humboldts physio-

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