Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

Page: 203
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I. Krisis und Wandlung des Humboldtschen Denkens

1. Von der vergleichenden zur philosophischen Anthropologie
Spranger unterscheidet zwei Hauptperioden in Humboldts Entwicklung.1) In der ersten
Periode herrscht seiner Auffassung nach der Einfluß Kants vor. Die Zeit der großen
Reisen (1796-1804) faßt er dann als Übergangszeit auf. Doch setzt er den Anfang der
zweiten Periode schon in das Jahr 1798. In der zweiten Periode entfalten sich dann
nach Sprangers Ansicht die metaphysischen Keime, die bereits in Kants Kritik der Urteils-
kraft vorhanden waren und sich auch schon in Humboldts Jugendphilosophie recht wirk-
sam erwiesen. Es ist deshalb von dieser Ansicht her nur konsequent, daß Spranger die
Metaphysik, Ethik, Ästhetik Humboldts in je zwei Abschnitten für die erste und die
zweite Periode abhandelt. Doch betont auch Spranger die organische Entwicklung von
der früheren zur späteren Denkweise und verweist immer auf die enge Verzahnung beider
Epochen in dem Denken Humboldts.2) Allerdings übersieht Spranger die Vorklänge der
späteren Metaphysik in der ersten und überschätzt die Nachwirkungen Kants in der
zweiten Periode.
Es dürfte schon deutlich geworden sein, daß dem Einfluß Kants auf Humboldt nicht die
Bedeutung zukommt, die Spranger annahm, daß also eine Periodisierung des Humboldt-
schen Denkens in eine von Kant abhängige Periode und in eine auf Kants Philosophie
aufruhende Periode der Eigenständigkeit Bedenken erwecken muß. Auch kommt dem
Jahr 1791 für Humboldts Ideenentwicklung nicht die Bedeutung zu, die ihm beigemessen
wurde. Die Zäsur in Humboldts Denken liegt ferner nicht, wie Kähler annimmt, im
Jahre 1809. Andere Versuche, sie in das Jahr 1819, also in die Zeit seines endgültigen
Ausscheidens aus dem Staatsdienst, anzusetzen, überzeugen nicht. Solche Periodisierungen
orientieren sich zu sehr an den äußeren und teilweise äußerlichen Veränderungen von
Humboldts Leben. Sie gehen von einer Bedeutung des Politischen aus, die ihm Humboldt
gar nicht zuerkannte. Mit ihnen wird zwar die Gliederung seines Lebensganges deutlich
faßbar. Aber die Wandlung seines Denkens vollzieht sich von innen und ist weitgehend
unabhängig von äußeren Umständen. So muß also eine Periodisierung von anderen Ge-
sichtspunkten her gewonnen werden, und diese Periodisierung ergibt sich eben nicht aus
Humboldts Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der kantischen Philosophie, son-
dern aus seiner Stellungnahme zum Problem des Menschen, jener Frage, die ihn tiefer,
eingehender, unruhvoller beschäftigte als die kantische Philosophie, deren Studium für
ihn nie Selbstzweck war, sondern lediglich Hilfsmittel zur Fixierung und Auflösung
eigener Problemstellung. Von dieser Thematik her umschließt die erste Periode die vielen
fragmentarischen Versuche einer wissenschaftstheoretischen Bewältigung der Frage, die bis
in das Jahr 1798 hineinreichen. Die dann ansetzende Krise zieht sich, wie auch Spranger
zu recht annimmt, über lange Jahre hin und geht zusammen mit einer sich immer mehr
vertiefenden metaphysischen Sicht der Probleme; denn gerade auf seinen Reisen, die ja
Material für seine Menschenbeobachtung und Menschenkenntnis bringen sollten, wurde

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