Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

Page: 204
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es Humboldt klar, daß die von ihm versuchte individuelle Charakteristik des Menschen
ein immer neues und unbefriedigend bleibendes Wagnis sei, daß die wissenschaftliche
Grundlegung unzulänglich und unverbindlich sei, kurz, daß eine empirisch-philosophische
Theorie der Menschenkenntnis als Grundlage für eine Theorie der menschlichen Bildung
in dieser Form, da sie noch des festen Anhaltes bedürfe, nicht durchzuführen sei.
Den Versuch, von dem Nationalcharakter her die Individualität zu bestimmen, hält
Humboldt nicht durch. Zwar vermittelt ihm das Erlebnis des französischen National-
charakters die Erkenntnis von der Nation als dem Grund der Individualität. Doch er-
kennt Humboldt sogleich, daß ein solches Weiterschreiten keine endgültige Lösung für
die ihn beschäftigende Problematik bedeutet; denn dadurch daß er in der Nation ledig-
lich eine Individualität höherer Ordnung sieht, enthält dieser Ansatz schon Voraus-
setzungen, die eine echte Lösung der Frage unmöglich machen. Die Übertragung der
Fragestellung von der Individualität auf die Nation bedeutet eher eine Verschleierung
als Enthüllung der Problematik. Alle Schwierigkeiten begegnen im gleichen Maße wie
bei der Erfassung der Individualität. Überdies verstellt die Bestimmung der Nation von
der Individualität her als einer Individualität höherer Ordnung auch den Blick für die
Erfassung ihres wahren Wesens, da es nur sehr bedingt zutrifft, von der Einheit eines
Nationalcharakters zu sprechen. Humboldts Mühe um eine Völkercharakterologie endet
in dem Augenblick, in dem er einsehen muß, daß von der Nation her die Frage nach
der Individualität nicht gelöst werden kann. Es muß also ein neuer Einstieg gefunden
werden, von dem her die Erfassung des wahren Wesens der Individualität geleistet wer-
den kann.
Die Krise verschärft sich noch für Humboldt, weil er unter dem Eindruck seines Auf-
enthaltes in Rom3) sich immer mehr von der Vorstellungswelt Goethes und Schillers
entfernte, in der er sich lange Zeit geborgen gefühlt hatte, und nun in tastenden Ver-
suchen zu neuen Anhaltspunkten drängt, die ihm das aufbrechende romantische Denken
zu bieten schien. Der Brief vom 4. Februar 1804 an Brinkmann zeigt in letzter Deutlich-
keit Humboldts Hinausschreiten über die Weimarer Klassik und macht die jetzt hervor-
getretene Distanz besonders deutlich: „Die Poesie ... lag wirklich bei uns dadurch im Ar-
gen, daß sie zu ernst betrieben wurde, daß immer der Inhalt alles seyn sollte, und das freie
Spiel der Phantasie und Sprache ganz verschmäht blieb ... In der innersten und geheim-
sten Vertraulichkeit muß ich Ihnen offenbaren, daß ich vor einem Stillstand... selbst bei
den Besten, bei Göthe und Schiller manchmal bang bin ... Ueberhaupt aber, glaube ich, ist
für die Deutsche Literatur der Moment der Krise gekommen, es muß sich jetzt entscheiden,
ob es mit unsrer Poesie am Ende ist, oder ob ein neues Saeculum beginnt, das sich harmo-
nisch an das vorige anschließt. Einen bloßen Fortgang halte ich für rein unmöglich. Es
kann weder einen zweiten Göthe, noch einen zweiten Schiller geben ... Was unsrer Poesie
fehlte, so wie es allen neueren fehlt, war sinnliche Lebendigkeit. Ich behaupte gar nicht,
daß die Schlegels ihr diese geben werden. Aber sie leiten dahin.“4) Humboldts Kritik an
der dogmatischen Geltung der klassischen Dichtung der Goethe und Schiller, die als
absolute Vorbilder lähmend auf die Dichtung wirken und ein lebendiges Fortschreiten
unmöglich machen, bedeutet noch keineswegs den Übergang zu den Romantikern. Er
wählt aus von der neuen romantischen Bewegung, was ihm nützlich zu sein scheint, und
meidet all das, was ihm überstiegen, unwirklich, gefährlich erscheint. Gerade der Brief
an Brinkmann macht zugleich auch seine Distanz dem „Neuen“ gegenüber deutlich. Hum-

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