Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

Page: 218
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II. Der Neuansatz: Der Mensch als Sprachgeschöpf

Humboldts Versuch, eine Wissenschaft vom Menschen grundzulegen, wird nur zum Vor-
spiel für seine anthropologisch fundierte Sprachphilosophie.1) Die eine Humboldts gan-
zes Denken bestimmende Frage nach dem, was der Mensch ist, bestimmt auch sein Werk
in der letzten Periode und wahrt seine Einheit trotz der verschiedenen Spezialunter-
suchungen.2) Wesentliche Schwierigkeiten sind dem jungen Humboldt bei seinem Versudi,
eine philosophisch-empirische Theorie der Menschenkenntnis grundzulegen, begegnet,
Probleme, über die er nicht Herr zu werden wußte und die ihn immer in ihrer Fraglich-
keit und Fragwürdigkeit begleiteten. Doch nimmt er auch entscheidende Erkenntnisse mit
in diese zweite Epoche seines Denkens, in der er nochmals versucht, dem großen Ge-
heimnis der Individualität nahezukommen. Trotz der kantischen Philosophie, trotz des
jetzt zu voller Auswirkung gekommenen deutschen Idealismus der Fichte, Schelling, Hegel
hält er den Leibnizschen Ansatz mit dem Kraftbegriff durch und stützt sich nach wie vor
in eigenständiger Weise auf den Individualitätsbegriff, ja in gewisser Weise nähert er
sich ihm mehr als in der ersten Periode seines Denkens.
Aber es vollzieht sich doch ein entscheidender Wandel. War der ganze wenngleich frag-
mentarische, so doch nicht minder großartige Versuch, die Lehre vom individuellen
Menschen grundzulegen, notwendigerweise eine Methodenlehre in dem Sinne, daß keine
Resultate fixiert, sondern lediglich Mittel, Voraussetzungen, Wege, ein Gitterwerk von Be-
griffen, dem das Eigentliche, was Individualität ist, doch immer wieder entschlüpfte, auf-
gewiesen werden konnten, weil eben die Eigentümlichkeit dieser Individualität nicht auf
einen allgemeinen Nenner zu bringen war, so drängt jetzt die Betrachtung von diesen
mehr formalen Bestimmungsversuchen zum Inhaltlichen. Und dieses Inhaltliche ist das
allen Menschen Gemeinsame: die Sprache. Mit der Sprache ist die Möglichkeit gegeben,
über die Charakterisierungsversuche der menschlichen Individualität in einer philo-
sophisch-empirischen Theorie der Menschenkenntnis hinaus aus dem Bereich des Men-
schenkundlichen zu einer philosophischen Anthropologie durchzustoßen und in ungleich
tieferer Weise noch einmal die Frage nach dem Sein und der Bildung der menschlichen
Natur zu stellen. Nun ändert sich die Methodenlehre. Die Einbildungskraft wird in ihrem
Vermögen eingeschränkt. Die „zufälligen“ Beschaffenheiten der Individualität werden
nicht mehr so hoch veranschlagt. Der Einfluß, den Herder auf das 19. Jahrhundert aus-
übte, ist bei ihm nicht mehr so sichtbar, obwohl bis in die Formulierung hinein in der
Sprachphilosophie der beiden unsystematischen Denker Übereinstimmungen festzustellen
sind.3) Das ganze Jugendwerk Humboldts bildet die Voraussetzung für seine spradi-
philosophischen Erörterungen, die weitgehend sprachanthropologisch gegründet sind.
Humboldts Sprachphilosophie ist kein Neuansatz in seinem so vielschichtigen Werk, son-
dern lediglich der Versuch, den alten Ansatz auf eine andere, erfolgreichere, tieferdringen-
dere, allgemeinere Weise fortzuführen, noch einmal von dem Einblick in das Wesen der
Sprache her die Frage nach Sein und Bestimmung des Menschen zu stellen. Bei diesem
Versuch wird notwendig die Fragestellung allgemeiner, und der Ansatz zur Erfassung

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