Menze, Clemens
Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen — Ratingen bei Düsseldorf, 1965

Page: 265
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Exkurs: Die Bedeutung des Religiösen
in Wilhelm von Humboldts Menschenbild

Die Bildungsidee Humboldts, die in der Autonomie der Individualität gipfelt, in einem
vollen Ausleben der ihr vorgegebenen Form ihrer selbst, schließt zunächst jedes religiöse
Moment, den Glauben an eine überirdische Wirklichkeit aus. Die Verwirklichung der
Individualität in dieser Welt, nicht die Hinführung auf ein nur dem Glauben erkenn-
bares Ziel im Transzendenten, ist der Leitgedanke der Humboldtschen Lehre, die deshalb
seit eh und je von den Theologen bekämpft wurde. Sünde, Schuld, Reue, Gnade, Er-
lösung, Unsterblichkeit sind Begriffe, die eine religiöse Haltung kennzeichnen, aber in
Humboldts Lehre und Bild vom Menschen von keinerlei Bedeutung sind, ja kaum er-
wähnt werden,1) weil sich dadurch die Individualität Mächten und Geschicken unter-
würfe, die jenseits ihrer Autonomie von einem beherrschenden Einfluß auf ihr Sein
wären. Humboldt kennzeichnet sich selbst wiederholt als einen Heiden,2) der an der
prallen Diesseitigkeit der Welt gern teilhat, der aber jede Verlagerung menschlichen Seins
auf einen festen Ruhepunkt im Transzendenten kategorisch bestreitet. In dem Gedicht
„An den erwarteten Sohn“ versifiziert er diese Gedanken in den Distichen:
„Willst Du ihn finden den Punkt, auf den Du mit Sicherheit tretend,
Leicht Dich, wohin Du nur willst, rechtshin und linkshin bewegst,
Wo Dein forschender Geist stets weiter schweifend und weiter
Endlich die Räume sie all, all’ die unendlichen misst,
Wo Du Dich selbst umschafst nach des Alls unendlichem Urbild
Rings versammelnd in Dir, was zu erfassen Du magst?
Sieh! er ruhet in Dir! In Dich versenke die Kräfte,
Welche, göttlich und frei, reichlich Dein Busen bewahrt!“3)
Die erste tiefgreifende Krisis in dieser Auffassung bedeutet der Tod seines ältesten Sohnes
Wilhelm in Rom.4) Doch religiöse Fragen, die vor allem in seinen Briefen anklingen,
verlieren sich schnell wieder, und die Überzeugung von der Bildungsgewalt der Wissen-
schaft und Kunst als einer Art säkularisierter Religion tritt bald wieder an die Stelle
echten, im Transzendenten beheimateten religiösen Empfindens.5) Eine grundlegende
Wandlung in dieser Auffassung, die sich allerdings seit Beginn der zwanziger Jahre immer
deutlicher vorbereitet, beginnt erst mit dem Tode seiner Frau (1829).6) Ausdruck der
neuen Haltung religiösen Fragen gegenüber sind seine in ihrem gedanklichen Gehalt
schwerwiegende Sonettdichtung und die viele biblische Fragen behandelnden,7) aber von
der Humboldt-Forschung recht skeptisch betrachteten „Briefe an eine Freundin“, in denen
man — vielleicht nicht ganz zu Unrecht — ein mehr stilisiertes klassisches Monument sehen
möchte, das Humboldt sich in voller Absicht zu seinen Lebzeiten errichtete, als ein lebens-
volles Vermächtnis persönlichen Empfindens und Strebens.8)
Durch die in seiner Spätzeit immer stärker spürbare Zuwendung zu einem mehr plato-

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