Seiffert, Helmut
Muß die Pädagogik eigenständig sein? — Essen, 1964

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Vorwort

Bismarck hatte ehedem gegen das Bildungsideal von der harmonischen
Persönlichkeit, das die Pädagogik des 19. Jahrhunderts faszinierte, kri-
tisch die Frage gestellt: Warum soll ich harmonisch sein? Eine solche
Frage, die eine herrschende Auffassung verletzt und eine Selbstver-
ständlichkeit zu zerbrechen vermag, provoziert das Nachdenken über
die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dessen, was allgemein zu gelten
scheint. Darin liegt die geistige Bedeutung aller Fragen, die nonkonfor-
mistisch gestellt werden.
Helmut Seiffert wollte ursprünglich in geringfügiger Abwandlung des
bekannten Bismarck-Wortes seiner Schrift den Titel geben: Warum soll
ich eigenständig sein? Das ist zuletzt doch nicht geschehen, weil Buch-
titel manchmal denen zu Mißverständnissen Anlaß geben, die Bücher
nur vom Titel her kennen oder den Anspruch des Lesens nicht bis zum
Ende durchhalten. Die Tendenz Seifferts ist aber ganz in diesem Sinne
gemeint: Er argumentiert gegen die in unserem Jahrhundert geradezu
als Tabu verherrlichte Eigenständigkeit der Pädagogik, und das in
einer Konsequenz, die ihresgleichen in der pädagogischen Literatur bis
heute nicht hat.
Man muß sich auch einmal ernsthaft fragen: Warum soll die Pädagogik
eigenständig sein? Im ip. Jahrhundert waren schon einmal Irrwege
beschritten worden, um dieser Wissenschaft einen Bereich zu sichern,
der ausschließlich ihre Zuständigkeit beanspruchen sollte. Die Herbar-
tianer hatten eine Methode für den Unterricht entwickelt, der formale
Gültigkeit zugesprochen wurde; sie sollte unabhängig von den zu
lehrenden Sadiverhalten und unabhängig von den Lernenden durch
den Lehrer gehandhabt werden, gewissermaßen als verselbständigte
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