Seiffert, Helmut
Muß die Pädagogik eigenständig sein? — Essen, 1964

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»Die brennendste Frage des heutigen pädagogischen Lebens und zu-
gleich die Grundfrage aller Erziehung überhaupt ist die Frage nach der
pädagogischen Autonomie. Wie bei jedem anderen Kulturgebiet, so hängt
auch bei der Pädagogik ihre ganze Mächtigkeit in erster Linie ab von
der klaren Erkenntnis und der scharfen Herausarbeitung ihrer selb»
ständigen Leistung innerhalb des Kulturganzen.«2
»Was nun in anderen Kulturbereichen, etwa in der Wissenschaft oder in
der Kunst, längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist, das wird der
Pädagogik — sofern das Problem ihrer Autonomie überhaupt gesehen
wird — stets von neuem bestritten. Weder in der praktischen Arbeit
noch in der Theorie ist heute die Selbständigkeit der Pädagogik ge»
sichert. Wer in der pädagogischen Arbeit steht, erlebt täglich Eingriffe
fremder Mächte, und auch in der theoretischen Pädagogik muß die
Autonomie immer wieder gefordert, stets neu erarbeitet werden.«3
In welchen Bereichen konkretisiert sich nun die Autonomie der
Pädagogik? Als Einleitung zu seiner Textsammlung4 gibt Georg
Geissler eine klare Übersicht, aus der zu entnehmen ist, daß die
pädagogische Autonomie sich manifestiert:
1. Im erzieherischen Vorgang zwischen Mensch und Mensch
2. In den Institutionen des Erziehungswesens
3. In der Pädagogik als einer wissenschaftlichen Theorie, also in
der Erziehungswissenschaft.
»Der Begriff >Autonomie der Pädagogik< deckt einen einheitlichen
Sachverhalt, der in dreierlei Weise sichtbar werden kann.
[1] Zunächst in der Wirklichkeit der Erziehung selber. Das erziehe»
rische Geschehen vollzieht sich immer im lebendigen Bezug von Mensch
zu Mensch. Erziehung ist ein wechselseitiges Lebensverhältnis, das sich
von anderen menschlichen Beziehungen, etwa politischen, ökonomi»
sehen, erotischen, in seinem Wesen unterscheidet und seinen eigenen
Sinn zu erfüllen hat. Damit soll nicht eine isolierte Existenz des päd»
agogischen Bezugs behauptet sein. Er ist verwoben mit anderen Be-
zügen . . . und nur in abstrahierender Reflexion isolierbar. Seine Auto-
nomie kann deshalb immer nur relativ gemeint sein, sie hat ihre Grenze
im Eigenrecht anderer Lebensbeziehungen, genau so wie diese ihrerseits
relativiert werden von den spezifisch pädagogischen Aufgaben aus. ...
Die eigentliche Grundlage der pädagogischen Autonomie ruht also im
erzieherischen Leben selber. Es geht der Mutter, dem Lehrer jeder Art,
dem Fürsorger, dem Volksbildner in erster Linie immer um den ihm
anvertrauten Menschen, um die Entwicklung seiner Kräfte und den

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