Seiffert, Helmut
Muß die Pädagogik eigenständig sein? — Essen, 1964

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»Was ein Bildungsinhalt ist oder worin sein Bildungsgehalt oder Bil-
dungswert, d. h. seine Bedeutsamkeit für den zu Bildenden, liegt, kann
erstens nur im Blick auf bestimmte Kinder oder Jugendliche in ihrer
jeweiligen Bildungsstufe gesagt werden und zweitens nur im Blick auf
bestimmte geschichtliche Situationen mit der in ihnen wirkenden Ver-
gangenheit und der vor ihnen sich öffnenden Zukunft. . . . Didaktische
Entscheidungen, wie sie z. B. in der Gestaltung eines Lehrplans, aber
auch im Angebot z. B. der Erwachsenenbildung oder des Jugendbüche-
reiwesens getroffen werden, sind also geschichtliche Entscheidungen. Sie
stellen Entwürfe dar, deren Gültigkeit (oder Nicht-Gültigkeit) sich letzt-
lich nur in der Wirklichkeit der Bildungsarbeit erweisen kann. Ob ein
pädagogisch dargebotener Inhalt für diese jungen Menschen hier und
heute ein Bildungsinhalt ist, kann sich nur daran zeigen, ob er in ihnen
fruchtbar wird. ... Didaktische Entscheidungen müssen um der Ent-
wicklung des jungen Menschen zur mündigen Person willen zugleich
im Hinblick auf die geistigen »Mächte« und Bereiche (Gesellschaft, Wis-
senschaft, Kirche usw.), ihre Überlieferung und ihre Ansprüche und zu-
gleich in Freiheit gegenüber diesen Mächten gefällt werden. Solche Frei-
heit kann nur. der Staat der Pädagogik gewähren, zugleich aber tritt der
Staat selbst als geistige »Macht« auf, die beanspruchen darf, in der Bil-
dung angemessen vertreten zu sein ... Freiheit gegenüber den geistigen
Mächten bedeutet: Freiheit zur pädagogisch verantwortlichen Auswahl
und zur >Transposition<, zur Übersetzung in den Raum der Bildung als
den Raum, in dem der junge Mensch geistig mündig werden soll. . . .
Der didaktisch Denkende ... fragt im Wissen um die Ansprüche, In-
halte, Probleme, Möglichkeiten des Berufslebens, der Wirtschaft, der
Wissenschaft, der Politik usf. vom jungen Menschen, seiner geistigen
Welt und seinen Ansprüchen aus schrittweise auf jene Inhalte zu.«17
II. Die Pädagogik und die Menschlichkeit
Durch alle Erörterungen zur pädagogischen Autonomie zieht sich
wie ein Leitmotiv immer wieder die gleiche unausgesprochene
Voraussetzung: und zwar die, daß die »Mächte« außerhalb der
Pädagogik wirklich so sind, wie die Pädagogik sie darstellt: näm-
lieh widerpädagogisch.
In diesem Punkte nun — überraschenderweise also gerade außer-
halb des pädagogischen Bereiches selber — hat die Kritik am heu-
tigen Stande der Eigenständigkeitsdiskussion anzusetzen.

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