Seiffert, Helmut
Muß die Pädagogik eigenständig sein? — Essen, 1964

Page: 59
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Die pädagogische Sache

I. Methoden=Monismus?
Herman Nohl pflegte gern folgendes Wort von Bismarck zu zitie-
ren: »Warum soll ich harmonisch sein?«72
»Um die ... Dialektik der ethischen Gegensätze zu überwinden, wurde
die ausgeglichene Harmonie aller Kräfte in verschiedenen Formeln seit
dem deutschen Humanismus, Niemeyer, Herbart und Humboldt, ver-
kündet, und dies scheinbar allgemeingültige formale Rezept wirkt noch
in unsere Zeit hinein nach in den Systemen von Natorp .. . und der
Rickertschule.... Aber solche Lösung ist, wenn sie nicht bloß ein
Moment im Bildungsprozeß sein will, sondern das Ziel der Bildung
überhaupt anzugeben behauptet, ein ungeschichtliches Ideal, das immer
blaß und unwirklidi bleibt. Es kann einmal die lebendige Lösung sein,
wie sie es bei Goethe gewesen ist, der uns immer als die Verkörperung
des deutschen Bildungsideals vorgehalten wird — schon Bismarck hat
demgegenüber gefragt: >Warum soll ich harmonisch sein?<«73
Nun — uns interessiert an dieser Stelle natürlich nicht die Frage
nach dem harmonischen Bildungsideal. Noms Erörterung ist uns
in unserem Zusammenhang nur formal wichtig. Was tut Bismarck
durch seine unbekümmerte Frage? Modern ausgedrückt: Er ver-
letzt ein »Tabu«.
Indem er eine zu seiner Zeit selbstverständliche Formel in Frage
stellt, bringt er das Fragen nach dem Sinn dieser Formel in Gang.
Erst dadurch, daß er überhaupt fragt, kommen wir darauf, daß
das Ideal der Harmonie vielleicht gar nicht so selbstverständlich
ist, wie wir bisher geglaubt haben. Ein Nachdenken wird in Gang
gebracht, das nun nicht mehr aufzuhalten ist. Auch in geistigen
Dingen ist die Unschuld nicht wieder zurückzuholen. Wer sich
einmal vor eine solche Frage gestellt sieht, muß sie auch bis zu
Ende durchdenken.
Wir wollen es Bismarck nachtun und die einfache Frage stellen:
»Warum soll ich eigenständig sein?«

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