Seiffert, Helmut
Muß die Pädagogik eigenständig sein? — Essen, 1964

Page: 60
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Dieses bloße Warum hat weitreichende Konsequenzen. Wer so
gefragt hat, kann die »Eigenständigkeit« der Erziehungswissen-
Schaft nicht mehr als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Er ist
gezwungen, auf das Warum zu antworten. Er muß zumindest
begründen, rechtfertigen — oder gegenfragen: »Ja, warum eigene
lieh?«
An vielen konkreten Beispielen haben wir versucht, auf dieses
Warum zu antworten. Fassen wir zum Schluß unserer Erörterun»
gen noch einmal die Ergebnisse zusammen, und versuchen wir
einige weitere Ausblicke!
In den zwanziger Jahren hatte das Streben der Pädagogik nach
Autonomie noch deutlich militant=politischen Charakter. Heute
steigt man nicht mehr auf die Barrikaden für das Kind. Die Frage
nach der Eigenständigkeit ist ein gelehrtes Problem geworden.
Man diskutiert nur noch theoretisch=methodologisch darüber.
Im Zuge der Etablierung einer bewußten Methodologie der gei»
steswissenschaftlichen Pädagogik, wie sie durch Wilhelm Diltiiey74
begründet worden war und über Max Frischeisen=Köhler75,
Theodor Litt (der nun freilich speziell in der Autonomiefrage
anders eingeordnet werden muß)76 und Herman Nohl77 dann vor
allem durch Wilhelm Flitner78 und Erich Weniger79 aufgenommen
wurde, verdichtete sich die Autonomiefrage mehr und mehr zu
einem methodologischen Prinzip.
Man kann sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, als ob mittler»
weile die Eigenständigkeit der Pädagogik zum Selbstzweck ge-
worden sein könnte. Nicht mehr so sehr, um akute Gefahren von
den der Pädagogik anvertrauten Menschen abzuwenden, sondern
um der Erziehungswissenschaft als solcher das Ansehen einer
eigenständigen Wissenschaft zu verleihen, wurde der Gedanke
der Eigenständigkeit gepflegt.
Der Sinn der Erziehungswissenschaft wurde die Erziehungswis»
senschaft selbst.
r
Der Zweck der Eigenständigkeit der Erziehungswissenschaft
wurde mehr und mehr darin gesehen, dem Erziehungswissen»

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