Klafki, Wolfgang
Das pädagogische Problem des Elementaren und die Theorie der kategorialen Bildung — Weinheim/​bergstr., 1964

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1. KAPITEL

PESTALOZZIS THEORIE DER ELEMENTARBILDUNG
1. Dem ersten umfassenden Versuch einer Theorie und
Praxis kategorialer Bildung begegnen wir bei Pestalozzi. Das
Verständnis und die Deutung seiner „Methode", seiner „Idee der
Elementarbildung", galten seit je als schwierige hermeneuti-
sche Aufgaben. Ist die „Methode" doch auch für Pestalozzi
selbst zeitlebens ein noch nicht realisiertes Programm, eine
.ihohe Idee" geblieben. Sie war ein genialer geistiger Wurf, um
dessen begriffliche Klärung und angemessene Verwirklichung
Pestalozzi mit großer Intensität bis an sein Lebensende ge-
rungen hat. Weder die mannigfaltigen Rückschläge und die harte
Kritik noch die eingestandene Unvollkommenheit der von ihm
und seinen Mitarbeitern gefundenen „Ausführungsmittel" haben
ihn im Glauben an die Menschheitsbedeutung der „Idee der
Elementarbildung" irre machen können. Und wenn er in der
Entdeckerfreude der Geßnerbriefe (Wie Gertrud ihre Kinder
lehrt, 1801) einmal sagen konnte, daß, wenn sein Leben einen
Wert gehabt hätte, es der sei, daß er „das gleichseitige Viereck
zum Fundament einer Anschauungslehre erhoben 12) hätte, so
wußte er im Grunde doch schon damals, daß die Idee der Ele-
mentarbildung viel mehr und viel Tieferes meinte als „die be-
schränkte Ansicht einzelner Erziehungsfächer und Unterrichts-
mittel", nämlich den „ganze(n) Umfang des Wesens der natur-
gemäßen Erziehung"; 13) und am Ende seines Lebens bekannte
er, daß „die Mittel ihrer Kunst . . . sämtlich noch nicht genug-
thuend in unsern Händen" 14) wären. Wenn das aber einmal
gelingen würde, so werde „ihr wesentlicher und notwendiger
Einfluß dahin wirken . . . , zahllose schlafende Kräfte im Men-
schengeschlecht zu erwecken und millionenfach in unserm
gegenwärtigen Zustand verwickelte und verdunkelte Ansichten
des Erziehungswesens zu entwirren und theoretisch und prak-
tisch in ein heiteres Licht zu setzen. " 15)
Wir sehen: Im Denken Pestalozzis hat die „Methode", die
„hohe Idee der Elementarbildung", die zur „Veredlung der sitt-
lichen und auch der intellektuellen und Kunstkräfte unserer
Natur" 16) führen sollte, bis an sein Lebensende eine so über-
ragende Bedeutung gehabt, daß er von ihr häufig „in Ausdrücken
von beinahe religiöser Verehrung" 17) sprechen konnte.

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