Klafki, Wolfgang
Das pädagogische Problem des Elementaren und die Theorie der kategorialen Bildung — Weinheim/​bergstr., 1964

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7. KAPITEL

DIE ÜBERWINDUNG DER SCHEIDUNG
VON FORMALER UND MATERIALER BILDUNG
IN DER BILDUNGSTHEORIE
I. BILDUNG ALS KATEGORIALE BILDUNG
1. Im Gegensatz zum Begriff „materiale Bildung", der nie
ohne Einschränkung gebraucht wird, hat der Begriff „formale
Bildung" als definierendes Prädikat dessen, was Bildung eigent-
lich bedeute, auch in der geisteswissenschaftlichen Pädagogik
eine große Lebensdauer bewiesen. Dennoch scheinen uns alle
Bestimmungen, die sich um den Begriff „formal" zentrieren,
den eigentlichen Gehalt der in der geisteswissenschaftlichen
Pädagogik gewonnenen Einsichten in das Bildungsproblem nicht
auszuschöpfen; die im Gefolge Diltheys vollzogene entscheiden-
de Entdeckung dieser Pädagogik ist doch die der Geschicht-
lichkeit der Bildung, und das heißt: desWandels der Inhalt-
lichkeit jener Gestalt menschlichen Seins, die wir „Bildung"
nennen. So stehen denn auch neben der Wiederaufnahme forma-
ler Definitionen zahlreiche Aussagen, die die Einseitigkeit der
formalen wie der materialen Bildungstheorie, aber auch die
beliebte Forderung eines „Nicht nur — sondern auch" hinter
sich lassen. In diesen Bestimmungen deutet sich die Erkenntnis
an, daß die Begriffe „materiale" und „formale Bildung" nicht
zwei als solche selbständige Sachverhalte bezeichnen, sondern
nur zwei Aspekte des in sich einheitlichen Phänomens bzw.
Vorganges der Bildung. Wir glauben, diesen Aussagen ent-
scheidende Hinweise auf jene „Aufhebung" beider Momente ent-
nehmen zu können, die wir im Begriff der „kategorialen Bil-
dung" zu vollziehen versuchen.
Herman Nohl sagt in seiner Theorie der Bildung: „Wir sind
zum besten Teile das, was wir glauben, sind unsere Überzeu-
gung, unsere Weltanschauung, diese planvolle Inhaltlichkeit, in
der die Kategorien begründet sind, mit denen wir denken,
fühlen und schaffen ... So können wir über unseren natürlichen
Anlagen eine zweite höhere Natur in uns aufbauen, in der wir
die Einheit unseres Charakters als eine inhaltvolle Gestalt

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