Klafki, Wolfgang
Das pädagogische Problem des Elementaren und die Theorie der kategorialen Bildung — Weinheim/​bergstr., 1964

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10. KAPITEL

DAS ELEMENTARE UND DIE BILDUNGSSTUFEN
A DAS PROBLEM

Im letzten Kapitel deutete sich - z.B. in Krohs Begriff
„differenzierende Elementarbildung" - ein Fragenkreis an,
dem wir in dieser Untersuchung erstmalig bei Diesterweg be-
gegneten: das Problem der Bildungsstufen. Wir sahen früher,
daß dieses Problem in der Reformpädagogik vielfach unbeachtet
blieb und erst bei Richard Seyfert theoretisch ernsthaft in
Angriff genommen wurde. 39T) Mit der Debatte um die Frage
„volkstümliche Bildung - höhere Bildung" (die hier oft als
„wissenschaftliche Bildung" bezeichnet wird) und mit den Be-
mühungen um eine „mittlere Bildung" ist das Grundproblem
wieder in den Blick getreten. Es ist so umfangreich, und sei-
ne Klärung steht noch so sehr in den Anfängen, daß es hier
nur gestreift werden kann. Es darf aber nicht übergangen wer-
den, da die Lösung des Problems des Elementaren in der
Didaktik und Erziehungslehre unlösbar mit der Frage der Bil-
dungsstufen verknüpft ist.
Obgleich die Bildungsstufen in unmittelbarer Beziehung zu
den psychologischen Altersstufen stehen, sind sie doch keines-
wegs mit ihnen identisch. Erstere nämlich bezeichnen die
spezifische Weise, in der in unserer Zeit, unter dem Einfluß
geschichtlicher Erziehungsfaktoren, nicht zuletzt auch der
Schulformen, der junge Mensch und die geistige Welt einander
begegnen. Die Fiktion Pestalozzis, als könne es für jeden gei-
stigen Bereich einstrahlige Reihenfolgen von Bildungsinhalten
geben, die, alle nach dem gleichen Prinzip ausgewählt, den
jungen Menschen schrittweise in die scheinbar eine und gleiche
Wirklichkeit einführen, ist aufgegeben.
Zwei unverlierbare Entdeckungen sind die Grundlage der
Frage nach den Bildungsstufen. Die eine Entdeckung besagt,
daß die verschiedenen Bereiche der geistigen Welt (der musi-
sche, der ethische usw.) nicht etwa vom Beginn der geistigen
Entwicklung des Kindes an getrennt vorhanden sind, sondern
daß sie sich stufenweise aus einer ursprünglichen leiblich-
seelisch-geistigen Einheit herausbilden. Die zweite Entdeckung

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