Klafki, Wolfgang
Das pädagogische Problem des Elementaren und die Theorie der kategorialen Bildung — Weinheim/​bergstr., 1964

Page: 431
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13. KAPITEL

KATEGORIALE ANSCHAUUNG (ERFAHRUNG)
UND BEGRIFF
1. Schon bei Pestalozzi trat der Zusammenhang zwischen
dem Problem des Elementaren und dem der Anschauung deutlich
hervor; das Anschauungsproblem durchzog dann mehr oder
minder explizit unsere gesamte problemgeschichtliche Darstel-
lung. Dabei ist der Begriff der Anschauung wenigstens soweit
geklärt worden, daß sich drei Momente an ihm - wenn auch nur
in hindeutenden Bestimmungen - herausheben lassen: 1. Der päd-
agogische Begriff der Anschauung darf nicht mit dem der sinn-
lichen Wahrnehmung gleichgesetzt werden. Vielmehr entspricht
es durchaus dem Sprachgebrauch der gehobenen Umgangs-
sprache, wenn der Begriff „Anschauung" im gesamten Bereich
der Begegnung des jungen Menschen mit einem Objektiven, sei
es dinglicher oder geistiger Natur, Verwendung findet. Er
deckt sich insofern weitgehend mit einer der Bedeutungen des
Wortes „Erfahrung". 2. Der Begriff „Anschauung" zielt immer
auf eine gewisse Unmittelbarkeit dieser Begegnung. In der
„Anschauung" ist das Objektive dem Zögling „irgendwie" nahe,
spricht ihn direkt an; es ist da „als es selbst", nicht nur im
Medium von etwas anderem, z. B. dem Begriff. Bei Copei
wurde sehr deutlich, daß solche Nähe des Objektiven zugleich
ein Betroffensein, ein Interessiertsein des Zöglings meint,
eine innere Lebendigkeit, die sich in der Fragehaltung und im
Problembewußtsein offenbart und die die Bildungswirkung mög-
lich macht. Zugleich erwies es sich hier, daß „Nähe" und
„Unmittelbarkeit" nichts schlechthin Gegebenes sind oder doch
nicht zu sein brauchen, sondern daß sie oft erst errungen,
erarbeitet werden müssen. „Anschauung" bzw. Erfahrung in
diesem Sinne ist eine geistige Leistung. 3. Ein drittes wurde
bereits bei Pestalozzi sichtbar und macht die eigentliche Tiefe
seines Anschauungsbegriffes aus: Trotz der Unmittelbarkeit
und Nähe des Objektiven in der „Anschauung" ist das An-
geschaute nie als bloße Gegenwärtigkeit und als ein Einzelnes,
Besonderes gegeben. Immer wird im Besonderen oder an ihm
ein (|Allgemeines" erfaßt; daß dieses Allgemeine aber unbe-
schadet seiner Allgemeinheit u n m it t e 1 b a r gegeben ist, eben
darauf zielt der pädagogische Begriff der Anschauung.

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