Derbolav, Josef [Editor]
Psychologie und Pädagogik: neue Forschungen und Ergebnisse — Heidelberg, 1959

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PROBLEM UND AUFGABE EINER PÄDAGOGISCHEN
ANTHROPOLOGIE IM RAHMEN DER ERZIEHUNGS-
WISSENSCHAFT
Josef Derbolav

1
Der folgende Beitrag setzt sich zum Ziel, Problem und Aufgabe
der Erziehungswissenschaft im modernen Verstände zu erörtern1.
Daß dies unter dem Titel bzw. vom Aspekt einer „Pädagogischen
Anthropologie“ aus geschieht, hat zwei Gründe, die hier kurz an-
gegeben werden sollen. Erstens bietet sich dieser Name gleichsam
als Sammelbegriff für jene empirischen Wissenschaften an, die es mit
dem Menschen zu tun haben, und zwar nicht sowohl mit dem Men-
schen überhaupt als vielmehr mit dem Menschen als einem auf Er-
ziehung angelegten und angewiesenen Wesen. In dieser Blickwen-
dung auf den Erziehungsaspekt des Menschen haben sich wenigstens
einige dieser Disziplinen längst die differentia specifica „pädago-
gisch“ beigelegt — ich denke hier vornehmlich an die Pädagogische
Psychologie und Soziologie - und es steht nichts im Wege, in ana-
loger Weise auch von einer Pädagogischen Biologie zu sprechen, ob-
gleich diese Bezeichnung noch nicht sehr gebräuchlich ist. Wenn sich
namhafte Pädagogiker in ihren wissenschaftstheoretischen Fundie-
rungsversuchen ihrer Disziplin heute in zunehmendem Maße jenes
Begriffs einer „Pädagogischen Anthropologie“ bedienen (M. ]. Lange-
veld, W. Flitner und andere), so läßt sich darin ohne Zweifel das
Bestreben erkennen, die das traditionelle Erziehungsverständnis er-
heblich erweiternden Aspekte jener genannten Wissenschaften in die
spezifisch pädagogische Sichtweise heimzuholen und hier nach Mög-
lichkeit zu integrieren. Andererseits kommt solchen Bemühungen
dabei unterstützend auch jene in der philosophischen Anthropologie
von heute zu beobachtende Tendenz entgegen, die Erziehungsange-
wiesenheit des Menschen immer stärker in den Vordergrund zu
rücken, ja den Menschen geradezu durch alle seine Organ- und Ver-
haltensstrukturen hindurch als ein „Wesen der Zucht“ zu interpre-
tieren (A. Gehlen). So scheinen Philosophie und Empirie von zwei
verschiedenen Seiten diesem Anliegen vorbereitend entgegenzuwach-
sen: die eine liefert den Begriff des „Homo educandus“, die andere

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