Derbolav, Josef [Editor]
Psychologie und Pädagogik: neue Forschungen und Ergebnisse — Heidelberg, 1959

Page: 78
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1. Psychologie als Wissenschaft vom Verhalten

Zunächst soll von der Psychologie als einer Verhaltens Wissen-
schaft die Rede sein. Man darf dabei das menschliche Verhalten nur
nicht behavioristisch verengt sehen, sondern so verstehen, daß es die
drei Aspekte der Psychologie als Wissenschaft umfaßt: das Erleben
(einschließlich der Verarbeitung des Erlebten), das Verhalten (nun
als menschliches Handeln gefaßt) und das menschliche Schaffens-
produkt: sein Werk. Es war K.Bühler2, der zuerst vom Erlebnis-,
Verhaltens- und Werkaspekt der Psychologie gesprochen hat. Wich-
tig ist in diesem Zusammenhang der Hinweis von P. Hofstätter3,
daß keiner dieser Aspekte ohne Berücksichtigung der anderen gilt.
Er schreibt: „Ich erlebe nach Maßgabe der mir von meiner Kultur
zur Verfügung gestellten Gebilde und der in ihr entwickelten sym-
bolischen Ausdrucksformen, und ich verhalte mich weitgehend die- *
sem Erleben gemäß; indem ich dies aber tue (und z.B. eine Rechts-
norm respektiere oder verletze), leiste ich einen Beitrag zur
Gültigkeit dieser Gebilde, der seinerseits auch mein Erleben in Mit-
leidenschaft zieht. Jede Aussage über das Erleben und das Verhalten
und über die diese bestimmenden geistigen Gebilde muß also im
Prinzip jeweils die beiden anderen Aspekte mitumfassen, wenn sie
ihren Gegenstand überhaupt erreichen soll.“ Das menschliche Han-
deln scheint sich in diesem Sinne zu einem zentralen Thema der
Psychologie in unserem Jahrhundert zu entwickeln - ein Thema,
das ihr zusehends zugewachsen ist und das sie mehr und mehr er-
griffen hat. Die Psychologie sieht sich vor die Aufgabe gestellt, den
Menschen als Handelnden zu begreifen. Wenn wir im folgenden in
diesem Sinne vom „Handeln“ oder auch vom „Verhalten“ sprechen,
so ist damit der ganze seelische Kreislauf vom Erleben über das
Verarbeiten des Erlebten bis zum Tun und Lassen eines Menschen,
aber auch die Rückwirkung des Getanen und Erfahrenen auf das
Erlebte gemeint, nur daß der sichtbarste, auffälligste und konkret
entscheidende Bogen dieses seelischen Prozesses, eben das Verhalten,
in den Mittelpunkt gestellt wird, genauer gesagt: die innerseelischen
Bedingungen und Voraussetzungen, die das Zustandekommen
menschlichen Verhaltens erklären oder verständlich machen oder
beides tun. Ich sehe in der Integrationstendenz, wie sie etwa in dem
Gemeinschaftswerk des Department of Social Relations der Har-
vard University durch die Zusammenarbeit von Parsons, Shils, Tol-
man, Allport, Kluckhohn, Murray, Sears, Sheldon, Stouffer (lauter
gewichtige Namen in Amerika) zustande kam und unter dem Titel:

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