Derbolav, Josef [Editor]
Psychologie und Pädagogik: neue Forschungen und Ergebnisse — Heidelberg, 1959

Page: 139
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DIE STADIENTHEORIE
DES GENFER ARBEITSKREISES
Bärbel Inhelder

Es ist in der Kinder- und Jugendpsychologie üblich geworden, in
der geistigen Entwicklung eine Reihe chronologisch geordneter Stu-
fen zu unterscheiden. Sie werden auch mit den Ausdrücken: Entwick-
lungsstadium, -phase, -etappe oder -sequenz bezeichnet. Autoren
mit verschiedenen Blickrichtungen und Methoden, wie Freud und
Gesell, Biihler und Werner, Wallon und Plaget, verwenden den Be-
griff der Entwicklungsstufen.
Diese Stufen bilden häufig das Credo der jugendlichen Anhänger
der einen oder anderen psychologischen Schule, als ob es sich dabei
um letzte, endgültige Ergebnisse handeln würde. Für den reiferen
Studierenden, für den selbsttätig Forschenden, der sich bemüht, die
Entwicklungsstufen empirisch zu erproben, werden diese leicht zum
Stein des Anstoßes. Tatsächlich sind die Entwicklungsstufen vorerst
ein methodisches Hilfsmittel, um den Entwicklungsvorgang in seiner
Verwandlung zu erfassen. Sie können nur als Glieder einer Kette
verstanden werden, als typische Erscheinungen in einer Entwick-
lungsreihe, wobei nicht nur der Ausgangs-, sondern ebensosehr der
Endpunkt von Bedeutung ist.
Haben wir solch typische Verhaltensweisen herausgeschält und
deren Aufeinanderfolge bestimmt, so werden wir versuchen, den
zugrunde liegenden Entwicklungsprozeß zu erfassen. Erst dann,
wenn gezeigt werden kann, wie eine Verhaltensweise aus der an-
deren hervorgeht, ist es möglich, eine genetische, d. i. entwicklungs-
psydiologische Erklärung zu geben.
Beziehen sich nun diese Stufen auf die Entwicklung in ihrer
Gesamtheit oder nur auf einzelne Sektoren? Sowohl dernaiveBeob-
achter als der durch spekulative Konstruktionen faszinierte Syste-
matiker neigen dazu, klare Querschnitte durch die gesamte Entwick-
lung zu ziehen. Wie weit ist jedoch ein solches Unterfangen nach
dem heutigen Stande der psychologischen Forschung berechtigt?
Diese für die Entwicklungspsychologie zentrale Frage wurde in
den letzten Jahren von verschiedenen, aus Biologen, Kulturanthro-
pologen und Psychologen bestehenden Studiengruppen einer ein-
gehenden Prüfung unterzogen. Die Auseinandersetzungen haben

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