Derbolav, Josef [Editor]
Psychologie und Pädagogik: neue Forschungen und Ergebnisse — Heidelberg, 1959

Page: 160
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ERSTE ERGEBNISSE EINER GENETISCHEN
CHARAKTERFORSCHUNG AUF EMPIRISCHER
GRUNDLAGE
Richard Meili

Man kann von recht verschiedenen Voraussetzungen aus dazu
geführt werden, genetische Charakterforschung zu treiben. Mein
Ausgangspunkt war ein allgemeines Unbefriedigtsein über den
Zustand der Charakterologie, vor allem hinsichtlich ihrer prak-
tischen Auswertungsmöglichkeiten. Diese Ausrichtung meiner For-
schungen mag es vielleicht auch gerechtfertigt erscheinen lassen,
darüber im Rahmen einer Arbeitstagung über Pädagogische Psy-
chologie zu berichten, obwohl das Säuglingsalter noch kaum in den
Bereich pädagogischer Bemühungen fällt.
Ich verkenne natürlich keineswegs den Wert der zahlreichen
charakterologischen Systeme, die bis heute vorgeschlagen worden
sind. Sie bieten alle sehr viele interessante Einblicke in den Aufbau
der Persönlichkeit und bereichern unzweifelhaft unsere Erkennt-
nisse auf diesem Gebiet. Dabei fasse ich unter Charakterologie die
Bestrebungen zusammen, die darauf hinzielen, ein mehr oder
weniger umfassendes und kohärentes System von Kategorien auf-
zustellen, die erlauben, die charakterliche Individualität eines Men-
schen zu beschreiben. Was aber ein gewisses Unbehagen auslöst,
das ist die Vielzahl der vorgeschlagenen charakterologischen Sy-
steme, zwischen denen man zu wählen hat. Dem Praktiker mag
es genügen, sich dem System zu verschreiben, welches ihm auf sei-
nem Arbeitsgebiet die beste Möglichkeit der Persönlichkeitserfas-
sung zu bieten scheint; von einem allgemeineren Standpunkt aus
empfindet man aber doch das Bedürfnis, einen theoretisch einsich-
tigen Grund für die Bevorzugung des einen gegenüber den anderen
Systemen zu besitzen. Aber nicht einmal die Gemeinsamkeit der
theoretischen Grundvoraussetzungen - wie z. B. die Schichten-
theorie - führt zu übereinstimmenden charakterologischen Systemen.
Für denjenigen, der von der experimentellen Wahrnehmungs-
und Denkpsychologie herkommt, ist vor allem unbefriedigend, daß
bisher scheinbar gar kein sachgemäßer methodischer Zugang zum
Problem des Charakteraufbaus gefunden werden konnte, weshalb
eben den vorliegenden Systemen, auch wenn in ihnen viel empi-

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