Derbolav, Josef [Editor]
Psychologie und Pädagogik: neue Forschungen und Ergebnisse — Heidelberg, 1959

Page: 207
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ZUR TIEFENPSYCHOLOGIE
DES PÄDAGOGISCHEN FELDES*

Wolfgang Hochheimer

I.
Inhalt und Ziel jeder Erziehung ist Anpassung an bestehende oder
neu geplante Ordnungen und Verhaltensweisen. Unser Thema regt
damit auch zur Besinnung auf die Hintergründe unserer Gesell-
schaftsordnung und Kultur an. Der Pädagoge ist ausdrücklich ein
Statthalter zivilisatorischer Ordnungen und kultureller Normen.
Dabei ist ihm selbst nicht immer klar, welchen Prinzipien er eigent-
lich dient. Unsere Kultur erhält sich wesentlich dadurch, daß sie
sich des Antriebsvorrates im Menschen bemächtigt. So ist Triebver-
zicht eine Hauptquelle unserer Kultur, wie Freud gezeigt hat und
wie jeder das nachentdecken kann. Zurückstellung und Aufgabe per-
sönlichen Lustgewinns zugunsten von Arbeit im Gemeinschaftsinter-
esse wird uns von klein an auferlegt. Diese fordernde Haltung wird
wie selbstverständlich schon von unseren Ersterziehern praktiziert
und in Schul- und Berufserziehung laufend fortgesetzt.
Selbst wenn man sich als Erzieher das Prinzip des Triebverzich-
tes zugunsten gesellschaftserhaltender und kultureller Arbeit aus-
drücklich zu eigen macht, bleibt dabei offen, wie und wie weit die
Inanspruchnahme individueller seelischer Energie zu betreiben sei.
Dabei interessiert uns psychologisch und psychohygienisch vor allem,
ob und in welchem Spielräume dem einzelnen Restenergien belas-
sen werden. Ich weiß nicht, ob unsere Lehrer und Erzieher sich
* Der folgende Beitrag geht im wesentlichen unverändert auf zwei
Gastvorträge zurück, die vom Verf. zur Eröffnung des Winter-Semesters
1958/59 am Institut für Lehrerfortbildung der Freien und Hansestadt
Hamburg gehalten wurden. Der ausdrückliche Versuch, tiefenpsycholo-
gische Erkenntnisse und Ansätze für Theorie und Praxis der pädagogi-
schen Anthropologie wirksam und fruchtbar werden zu lassen, rechtfertigt
die folgende Publikation trotz einer Anzahl von Wiederholungen aus
früheren thematisch verwandten Schriften des Verf. Die Begegnungen
zwischen Tiefenpsychologie und Pädagogik sind im deutschen Erziehungs-
raume bis heute weniger nachhaltig geblieben, als im Interesse der Be-
ziehungen zwischen den Generationen zu wünschen wäre. Aus den vor-
stehenden Gründen ist der Hauptteil dieses Beitrages inzwischen auch an
anderer Stelle (Die Deutsche Schule, 51. Jg. [1959] Heft 3) erschienen.

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