Vogelhuber, Oskar
Menschenbildung oder Bildungstechnik? Oskar Vogelhuber — München, 1958

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Humanität und der wahrhaft menschliche Mensch existieren
nicht perfekt: Sie werden, sie sind auf dem Wege, sie sind Auf-
gabe jeder Generation in allen Erdräumen.
Der Vorgang vollzieht sich in jedem einzelnen nach dem Ge-
setz, das Welt und Leben beherrscht: „Gestaltung, Umgestal-
tung, des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung“ (Goethe). Men-
schenleben ist Menschwerdung, die sich in Verwandlungen voll-
zieht von der Geburt bis zum Tod, von Kind an bis zum Grei-
senalter, durch die Generationen von Jahrhundert zu Jahrhun-
dert und vom Vormenschen an bis zum Menschen von heute
und morgen. —
Man kann von einer Person-, Welt- und Zeitausgabe des
Menschen sprechen. Die Weltausgabe begann als Vormensch
und ist der noch lange nicht erreichte wahrhaft menschliche
Mensch der Humanität. Sie erscheint wirklich in jedem Neu-
geborenen, das berufen ist, die Menschlichkeit zu betätigen,
und erscheint in den Generationen jedes Zeitalters, die das zeit-
gemäße und zeitnotwendige Menschenbild typisch darstellen
und zu beweisen haben. Während der Mensch sein persönliches
Leben vollzieht, schreitet er zugleich durch den Lebensabschnitt
seiner Generation und durch das Leben der Gattung Mensch.
Der verbreitete Glaube an einen Fortschritt beweist, daß Nei-
gung besteht, an ein Emporschreiten zu denken, das nicht nur
höherer Kultur und Zivilisation gilt, sondern ein Empor ist
zur höheren sapientia des homo, zur weiteren Entwicklung der
Weltoffenheit, des Weltbewußtseins und einer Weltverantwor-
tung. — Die praktische Aufgabe daraus ist die Ausbildung zur
Humanität. Sie muß rechnen mit der Doppelnatur des Men-
schen und mit der Erfahrungstatsache, daß es Menschen gibt,
mit denen nichts anzufangen ist, einzelne und Menschengrup-
pen, und daß es Lebenslagen gibt wie Kriege und Revolutionen,
in denen die Humanität ihr Haupt verhüllt. Das Vertrauen auf
den wahrhaft menschlichen Menschen und seine Entfaltung aus
der allgemein menschlichen Veranlagung kann nur zuverlässig
sein, wenn es kritisch ist. Aber es ist notwendig, damit Bildung
einen Antrieb hat. Es weiß von Unmenschlichkeit und von
Degeneration (Entartung) und Dekadenz (Verfall) des Men-

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