Vogelhuber, Oskar
Menschenbildung oder Bildungstechnik? Oskar Vogelhuber — München, 1958

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schenwesens bei einzelnen und gesellschaftlichen Gebilden. Das
Vertrauen gründet sich auf die andere Seele im Menschen, die
edle, hilfreiche, gute und menschenwürdige, und auf die Er-
fahrungen mit ihr im Leben und aus der Geschichte. Es gründet
sich darauf, daß Humanität als Entwicklungsdruck im lebens-
geschichtlich noch unfertigen und entwicklungsoffenen Menschen
vorhanden ist und sich bewähren kann. Dem zu entsprechen
und die Veranlagung durch Erziehung und Politik durchzu-
steuern zwischen der menschlichen Doppelnatur ist Aufgabe.
Dabei schaut der Jugend- und Menschenbildner auf den ein-
zelnen, die lebenden Generationen und die Menschheit mit
ihren politischen, sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Pro-
blemen.
Bildung ist nicht Gebildetheit
„Abendstunde eines Einsiedlers“ heißt ein Programm zur
Erneuerung der Bildung. Es erschien 1780. Es beginnt mit der
Frage: „Der Mensch in seinem Wesen, was ist er?“
Diese Frage bedeutet eine Art kopernikanischer Wendung im
Denken über Bildung. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die
Voraussetzungen, die im Menschen gegeben sind, auf sein Wesen,
seine Veranlagung und den durch sie bedingten Charakter des
Menschen. Üblich war es, den Kindern etwas beizubringen oder
aufzunötigen: Lesen, Schreiben, Rechnen, in der Lateinschule
das Latein, Griechisch usw., ferner Gehorsam und andere Tugen-
den dieser Art. Aber der Einsiedler von 1780 denkt ganz
anders: Der Mensch hat Kräfte: eine Zahlkraft, eine Form-
und Meßkraft, eine Sprachkraft, dazu die Kraft, sich aus roher
Natur zu Verstand und Vernunft zu entfalten, und diese Kräfte,
die aus dem Mensch quellen, sind durch die Einflüsse aus Um-
und Mitwelt zu mobilisieren. Es war Pestalozzi.
In der gleichen „Abendstunde eines Einsiedlers“ heißt es
weiterhin: „Du lebst nicht für dich allein auf Erden; darum
bildet dich die Natur auch für äußere Verhältnisse und durch
sie.“ Äußere Verhältnisse sind die Natur, die Familie, die
bürgerliche Gemeinschaft, die Menschheit.
Quellen der Bildung sind der Mensch und seine Um- und

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