Vogelhuber, Oskar
Menschenbildung oder Bildungstechnik? Oskar Vogelhuber — München, 1958

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Thema Mensch ist zeitlebendig
In der Menschwerdung und Vorgeschichte von
Hunderttausenden von Jahren wurde der Grund
unseres angeborenen Wesens gelegt (K. Jaspers).
Wenn Menschenbildung die Veranlagung des Menschen aus-
bildet, dann muß sie sich über das angeborene Wesen des Men-
schen klar sein. Das verweist die Bildung an die Menschen-
kunde (Anthropologie), die an sich zeitwichtiger Gegenstand
der Lebens- und Geisteskunde ist. Eine Grundwissenschaft der
Menschenbildung ist wissenschaftliche Anthropologie.
Schon Jahrhunderte vor Christus mahnte eine Inschrift am
Apollotempel in Delphi: Erkenne Dich selbst! Aber im 20. Jahr-
hundert nach Christus konnte Alexis Carrel sein Buch vom
Menschen „L’Homme Inconnu“, deutsch „Der Mensch, das
unbekannte Wesen“ 1926, betiteln. Dem Menschen des Durch-
schnitts war alles wichtiger als er sich selbst: das Geschäft und
sein Ertrag, das Verdienen und Ausgeben des Mammons, der
Eintritt ins Diesseits und der gesicherte Übertritt in die bessere
Welt des Jenseits, nicht zu übersehen der Kampf um den Platz
an der diesseitigen Sonne und das ständige Kriegführen. Und
doch mußte die Fragwürdigkeit des Menschenwesens auffallen,
wenn Werke über ihn erschienen, die etwa hießen „Das Men-
schenrätsel“ (Alsberg) oder „Der Kampf um den Menschen“
(Hartmann).
„Am Ende der Mensch“ ist ein Kapitel eines Buches über-
schrieben, in dem A. Hübscher einen Abriß der Gedankenwelt
von fünfzig Philosophen der Gegenwart gibt. Als Ergebnis der
Untersuchung stellt er fest: „Man mag sich in der breiten Wirk-
lichkeit umsehen: Überall versucht das 20. Jahrhundert unmit-
telbaren Zugang zum Menschen zu eröffnen in dem Bewußtsein,
in der biologischen Breitenschicht die Fundamente des Wissens
vom Menschen tiefer zu legen.“ Danach hat die mittelalterliche
Denkart über den Menschen, die ihn als Sondergeschöpf der
biblischen Schöpfungsordnung sieht, und die Denkart der Auf-
klärung, die das Menschliche mit seiner Vernunft aus der Welt-
vernunft hervorgehen sieht, nicht tief genug geblickt. Die heu-

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