Vogelhuber, Oskar
Menschenbildung oder Bildungstechnik? Oskar Vogelhuber — München, 1958

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Die durch die Gattung Mensch begründete Entwicklung verläuft
in allen Menschen allgemein menschlich. Trotzdem entstehen
verschiedene Menschen. Es liegt einerseits an Maß und Art der
Veranlagung und andererseits an der Gunst oder Ungunst der
Um- und Mitwelt, ob ein Mensch geistig und sittlich mündig
wird oder unmündig bleibt, ob das Kind erziehbar oder schwer
oder nicht erziehbar ist, ob der Mensch sozial tauglich oder
sozial schädlich ist.

Jugend von heute
So etwa wird der Regelfall der Jugendentwicklung herkömm-
lich dargestellt. Aber ihm begegnen heute Beobachtungen, die
das bisherige Bild auffallend abändern. Die Entwicklung ist
einerseits beschleunigt und andererseits verzögert.
Das Längenwachstum und andere Körpermaße haben zuge-
nommen. Die Geschlechtsreife setzt früher ein, ebenso der erste
und zweite Gestaltwandel sowie die erste und zweite Zahnung.
Anscheinend beansprucht die beschleunigte körperliche Entwick-
lung einen höheren Aufwand an Energie und das bekundet sich
in der verzögerten geistigen Entwicklung. Die meisten Sechs-
jährigen sind noch nicht schulreif und die Vierzehnjährigen nicht
berufsreif. Die Kinder nehmen wohl viel wahr, verarbeiten
jedoch die Wahrnehmungen nicht zureichend für ihr Alter. Die
Fähigkeit zu denken, vor allem abstrakt zu denken und Begriffe
zu bilden, Wesentliches und Unwesentliches zu scheiden, zu
schließen und zu urteilen, ist Elf- und Zwölfjährigen auffällig
wenig gegeben, was sich auch in der Sprache und Schrift offen-
bart. Das Bewertenkönnen (moralisch, religiös, ästhetisch) ist
hinausgerückt. Die Lücke füllt gesteigertes Triebleben und phan-
tastisches Denken aus. Das von Eindrücken aus dem Zivilisa-
tionsgetriebe überflutete Gedächtnis hält nicht stand. Die viel-
fachen Klagen über zerstreute Schüler weisen auf geschwächte
Bewußtseinsenergie hin, auf Willensschwäche im Lernen, Auf-
merken und Auffassen, auf Verlangsamung des Arbeitstempos
und geringere Kraft und Sorgfalt in der Bewältigung von Auf-
gaben mit der Folge, daß Uberbürdung durch die Schule beklagt
wird. Die Intelligenzreifung verzögert sich durch das ganze

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