Vogelhuber, Oskar
Menschenbildung oder Bildungstechnik? Oskar Vogelhuber — München, 1958

Page: 90
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Anschauungsform der Wirklichkeit ausging, wurde mit der Zeit
mißverstanden. Man unterrichtete wohl die noch nicht abstrak-
tionsfähigen Kinder im Anschauen — daher Anschauungsunter-
richt —, schritt jedoch sofort weiter zur verfrühten Bildung von
Begriffen und schlug damit einen Irrweg ein. Die Schule be-
mühte sich zu bald, das Anschauen in Nachdenken und die
Anschauungen von der Welt in ein Abstraktum von Begriffen
zu verwandeln. Dann machte man aus dem Anschauungsunter-
richt eine Daseinskunde, der nicht das Anschauen wesentlich ist,
sondern der enge Daseinskreis Heimat, die Erfahrungsstoffe
daraus und die Verbundenheit des Gemüts mit der süßen Hei-
mat, wie sie war und nach zwei industriellen Revolutionen
weiter sein sollte. Das Richtige ist lange Anleitung der Kinder
zum Wahrnehmen und Anschauen des „goldenen Überflusses
der Welt“ (G. Keller).
Doch die Menschen bleiben primitiv, wenn sie sich nicht
weiterentwickeln zum Überlegen, Denken und Bilden von Ge-
danken und wenn die Schaulust, die heute durch den Film, die
Illustrierten und zahlreiche Schaustellungen übermäßig gepflegt
wird, wozu noch Rundfunk u. a. Gelegenheiten zum Anhören
kommen, nicht der Ausbildung der Denkfähigkeit untergeord-
net wird. Schließlich sind nicht Augen und Ohren die Organe,
die das Menschenwesen kennzeichnen, berufen, die Welt zu be-
greifen und zu beherrschen, sondern ist das Denkorgan, das nicht
nur erfährt und erlebt, sondern schließt, urteilt, sich Gedanken
macht und daraus schafft.
Für einen Ausbildungsplan ist grundlegend die Leibeserzie-
hung und Körperbildung, die Ausbildung der Hand und der
Sinnesvorrichtungen. Sie sind Bestandteil des weiteren Ausbil-
dungsplanes, der den Weg zu der dem Gehirnwesen Mensch
überhaupt möglichen Ausbildung weist.
Sprechen Hören — Denken Schreiben Lesen
Soll der Lehrer das Sprechen und Schreiben oder die Sprache
lehren? Lehrt er Sprache, so überliefert er dem Kinde ein Bil-
dungsgut aus dem überpersönlichen Geist, dessen Ausdruck die

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