Vogelhuber, Oskar
Menschenbildung oder Bildungstechnik? Oskar Vogelhuber — München, 1958

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Was tun? Einzelnen Persönlichkeiten wie Erziehungsberech-
tigten und Lehrern ist nur einzelnes möglich, aber nicht allge-
mein Durchgreifendes. Ihre Macht reicht an die Gesellschaft
nicht heran. Nur die Gesellschaft selbst ist der Aufgabe ge-
wachsen. Dient sie ihr, dann gleicht sie einem Strom, der sich
von den Abwässern reinigt, die ihm der Ziviiisationsbetrieb
des Zeitalters zuleitet. Was zur Gesellschaft gehört, ist verant-
wortlich, die gesellschaftlichen Gebilde von der Familie aus, die
Schule, der Staat, die Gemeinde, die Kirche, andere Kreise.
Wenn die Gesellschaft gleichgültig hinnimmt oder sich beteiligt
an Veranstaltungen und Einwirkungen, die Gesellschaftskritik
verdienen und Mensch und Jugend dem Verschleiß der vitalen
und mentalen Energie an vernunftwidriges Treiben und so viel
Zivilisationsrummel zudrängt, dann fehlt es jedem persönlichen
Bildungsbemühen an dem Klima, unter dem die Frucht der
Menschenbildung gedeihen kann. Verantwortlich sind vor allem
die Regierenden.
FAMILIE GESTERN, HEUTE, MORGEN
Im Zeitalter der Postkutsche konnte die Erziehung mit der
Familie in Schillers Lied von der Glocke rechnen: „Und drinnen
waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder, und herr-
schet weise im häuslichen Kreise.“ Das war die Zeit, da sich
nach dem gleichen Gedicht am Abend das Stadttor knarrend
schloß und nach einem anderen Gedicht am Brunnen vor dem
Tore die Dorflinde rauschte. Diese patriarchalische Familie er-
hielt sich, offenbar wegen ihrer Erziehungskraft, lange Zeit in
Erziehungslehren. Noch in einem neueren pädagogischen Werk
ist zu lesen: „Die Familie ist die erste und natürlidie Erzie-
hungsgemeinschaft. In der gemeinsamen Atmosphäre des Fami-
lienlebens vollzieht sich das Ausreifen der einzelnen kindlichen
Entwicklungsstufen, das Hineinwachsen in die Welt der Er-
wachsenen, in Brauchtum, Sitte, Muttersprache, Kultur und
Volkstum. Vater und Mutter ergänzen einander in den er-
zieherischen Mitteln und Absichten. Geschwister erziehen sich
gegenseitig durch das natürliche Bildungsgefälle. Doch der Wert
der Familienerziehung hängt hochgradig davon ab, ob Be-

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