Vogelhuber, Oskar
Menschenbildung oder Bildungstechnik? Oskar Vogelhuber — München, 1958

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es durch Mächte mit totalem Anspruch auf die ihnen Unter-
tanen Menschen. Die Jugend hat das Recht, ausgebildet zu
werden zur persönlichen Eigenart und Lebenstüchtigkeit. Dar-
über hinaus hat sie das Recht, zu der Lebensform zu kommen,
deren sie bedarf, um den Aufgaben ihrer Zeit gewachsen zu
sein und mit ihrer Generation zur zeitnotwendigen Genera-
tionsauslese zu kommen, und darüber hinaus das Recht, soweit
als nur möglich zur Menschlichkeit zu gelangen. Von diesem
Recht in einzelnen Zügen handelt das vorliegende Buch.
Zoon Politikon und seine Ausbildung
Politik ist ein vieldeutiges Wort. Jedenfalls bedeutet Politik
ein Denken und Handeln, das dem Staate gilt, dem Staat in
seinen verschiedenen Erscheinungsformen und Beziehungen und
den Ideen, die dem Staate zugrunde liegen können.
Von den möglichen Staatsideen kommt für die Menschenbil-
dung besonders die Idee des Kulturstaates in Betracht. Nach ihr
wird der Staat als Einrichtung zur Förderung der Kultur, der
Allgemeinbildung des Volkes und seiner Jugend angesehen und
bewertet. Klar tritt das bei Herder hervor: Nationalität dient
der Humanität. Staatsaufgabe ist, den Staatsangehörigen durch
Kultur zur Menschlichkeit zu verhelfen. Auf der Grundlage
der Menschlichkeit ist man Staatsbürger. Ein Wort für Regie-
rende, Abgeordnete und Parteien.
Diese Auffassung ist verwandt mit der sittlichen Staatsidee.
Nach ihr ist der Staat die gesellschaftliche Ordnung, in der und
durch die sich die im Menschenwesen angelegten sittlichen Kräfte
verwirklichen können. In dieser Sicht muß der Partei- und
Fraktionswechsel von Volksvertretern ohne Rücksicht auf die
Wähler und mit dem Hinweis darauf, daß für den Politiker die
bürgerliche Moral nicht gelte, verurteilt werden.
Damit spielt diese kurze Darlegung auf die Ideen des Rechts-
staates und des Wohlfahrtsstaates an.
Die sittliche Staatsidee wird religiös gedeutet durch die reli-
giöse Staatsidee, die den Staat auf göttliche Einsetzung zurück-
führt. Gegen den daraus fließenden Vorrang der geistlich-kirch-
lichen Gewalt erhob sich seit dem 14. Jahrhundert die weltliche

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