Vogelhuber, Oskar
Menschenbildung oder Bildungstechnik? Oskar Vogelhuber — München, 1958

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Einführung in das Weltbild und seine Sinndeutung auszu-
gestalten.
H. L. Dörrie gibt in seinem Buch „Genesis“ 1956 von der gegen-
wärtigen Lebenswelt folgende Zustandsschilderung: „Diese Lebens-
welt ist ein Nebeneinander von hochentwickelten, erst kürzlich auf-
gestiegenen Arten und von solchen, die sidi seit Jahrmillionen nicht
mehr verändert haben, wie guterhaltene Fossilien schon seit dem
Kambrium (500 Mill.) beweisen.“ Das Leben ist ein Miteinander aus
einem Nacheinander. Diese Feststellung, auf den gegenwärtigen Zu-
stand des Menschenlebens angewandt, legt den Gedanken nahe: es
leben primitive und hochentwickelte Menschen auf der Erde, und, was
besonders beachtlich ist, auch innerhalb einzelner Menschengruppen,
auch in einem zivilisierten Volk, das gemischt ist aus den Typen und
Übergängen zwischen primitiven und hochentwickelten Menschen in
verschiedenen Mischungen. Denkt man an das Weltbild dieser Men-
schen, so muß man wohl gelten lassen, daß sie nicht alle das gleiche
Weltbild haben und zum Weltbild der Gegenwart vorgedrungen
sind. Das gleiche gilt auch von ihren Weltanschauungen.
Weltbilder und Weltanschauungen auf Erden und in einem Volk,
auch in engeren Verbänden, gleichen dem Leben als einem Miteinan-
der und Nacheinander primitiver und hoher Gestaltungen mit Über-
gängen. Das gilt also auch von Religionen und von der Ausbildung
einer Religion im gleichen Lebenskreis. Der Lehrer findet diese Tat-
sache bei dem sich entwickelnden Jungmenschen zwischen erster Kind-
heit bis zum Erwachsensein, man findet sie bestätigt bei den Erwach-
senen. Es gibt mehr Menschen von weltanschaulich primitivem als
hohem Niveau. Einem Kinde und einem geistig nicht hochentwickel-
ten Menschen kann man keine Philosophie bieten, aber auch keine
Dogmatik, wenn begriffen und nicht bloß gelernt werden soll. Dar-
um gehört zu den Grundlagen der Bildung die Einsicht in die reli-
giöse und weltanschauliche Haltung der Jugend und der Erwachse-
nen für die Erwachsenenbildung.
Menschenbildner und Bildungstechniker
Es wurde dargelegt und begründet, daß der Mensch sidh aus
dem allgemeinen Lebensstamm als das zur Weltschau befähigte,
aufgeschlossene Lebewesen entwickelt hat und offengeblieben
ist für weitere Ausbildung seiner Menschlichkeit. Das gilt
von allen Menschen. Die Hauptquelle der Ausbildung ist
die Potentialität (Veranlagung) des Menschen, darum ist
Bildung Ausbildung. Die andere Quelle, deren Einflüsse sich
damit vereinigen, ist die Um- und Mitwelt, die sich mit dem

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