Küppers, Waltraut
Mädchentagebücher der Nachkriegszeit: dein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend: ein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend — Stuttgart, 1964

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EINFÜHRUNG

Die Bezeichnungen für den Lebensabschnitt „Jugend“ haben im deut-
schen Wortschatz in den letzten Jahren in überraschender Weise zu-
genommen. Früher sprach man vom jungen Mädchen oder vom jun-
gen Mann, von der Jungfrau oder dem Jüngling, vielleicht auch noch
vom Backfisch oder Flegel; heute verwendet die Psychologie daneben
noch die Begriffe des Vorpubertierenden, Pubertierenden, des Ado-
leszenten und Reifenden, die Jurisprudenz nennt diese Altersgruppe
die Jugendlichen oder die Heranwachsenden, die Medizin unterschei-
det zwischen Akzelerierten und Retardierten, die Wirtschaft kennt
den jugendlichen Verbraucher, die Öffentlichkeit den Teenager, den
Twen, den Halbwüchsigen, den Halbstarken.
Was aber bedeutet die Zunahme dieser Bezeichnungen? Ob dadurch
innerhalb dieser Altersspanne, die wir etwa von 12 bis 20 Jahren an-
setzen wollen, eine stärkere Differenzierung zum Ausdruck kommt,
mag dahingestellt sein. Sicher ist, daß das Interesse einer breiteren
Öffentlichkeit an diesem Abschnitt des menschlichen Lebens gewach-
sen ist. Zu Beginn unseres Jahrhunderts galt dieses Interesse weit-
gehend dem Kind. Der Titel von Ellen Key’s berühmt gewordenem
Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ wurde zum Schlagwort für un-
sere Epoche. Die Zuwendung zum jugendlichen Seelenleben geschah
zum Teil durch die Jugendbewegung, im besonderen aber wohl durch
Eduard Sprangers Buch „Die Psychologie des Jugendalters“ *. Weit
über die Fachwissenschaft hinaus fand dieses Werk Beachtung. In
ganz ähnlicher Weise hat die Arbeit des Soziologen Helmut Schelsky
„Die skeptische Generation“ 2 die Öffentlichkeit unserer Tage auf-
horchen lassen. Sicher kann man beide Autoren weder in ihrer Ziel-
setzung noch nach ihrer geistigen Herkunft miteinander vergleichen.
Gemeinsam ist ihnen jedoch, daß ihre Werke über die Fachwissenschaft
hinaus starke Wirkungen auf das öffentliche Bewußtsein ausgeübt
haben. Dabei werden hier jeweils zwei Jugendgenerationen geschil-
dert, die nur wenig gemeinsame Züge aufweisen. Man könnte mei-
nen, und die Öffentlichkeit hat es auch so verstanden, daß die von
Schelsky beschriebene Jugendgeneration — es handelt sich um die
Jugend der Fünfziger Jahre — in Korrespondenz zum Struktur-
wandel unserer Epoche eine in ihren seelischen Bezügen völlig anders-

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