Küppers, Waltraut
Mädchentagebücher der Nachkriegszeit: dein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend: ein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend — Stuttgart, 1964

Page: 8
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/DU3000K95/0008
0.5
1 cm
facsimile
geartete Jugend wäre als diejenige, die Spranger uns dreißig Jahre
früher vorgestellt hat.
Es wird jedoch zu fragen sein, ob dieser Wandel nicht vielleicht mehr
auf einem Unterschied der Forschungsmethoden oder gar auf einem
Unterschied der beobachteten Jugendgruppen beruht als auf einem
faktisch gegebenen Wandel dieser Jugend.
Von verschiedenen Seiten aus ist in den Jahren nach dem zweiten
Weltkrieg die Jugendforschung bereichert worden. Abgesehen von
einigen Übersetzungen, besonders aus der amerikanischen Literatur,
und einigen Neuerscheinungen sind in der Psychologie vor allem die
älteren entwicklungspsychologischen Werke neu herausgegeben oder
neu bearbeitet worden 3. Unbefriedigt darüber, daß „Jugend“ in die-
sen psychologischen Veröffentlichungen noch immer als ein Abschnitt
menschlicher Entwicklung gesehen und beschrieben wurde und nicht
als ein vorwiegend durch Umgebung und Gesellschaft hervorgerufe-
ner und bedingter Zustand, nahm sich zum anderen nach dem Krieg
die Soziologie — z. T. im Anschluß an die amerikanische ethnolo-
gische Forschung — dieses Gebietes an4. Wie aber sahen die Metho-
den der älteren jugendpsychologischen Forschung aus, wie sehen die-
jenigen der modernen Jugendsoziologie aus? Welche Jugend ist von
den Psychologen der Zwanziger Jahre gesehen und gemeint, welche
Jugend steht dagegen vor dem geistigen Auge der modernen Soziolo-
gie? Die tragenden Pfeiler der jugendpsychologischen Werke von
Stern, Bühler, Spranger, Busemann, Kroh und vielen anderen waren
neben der Beobachtung und der Jugendnähe dieser Autoren vor allem
die Selbstzeugnisse von Jugendlichen. Das Jugendtagebuch wurde als
psychologische Quelle entdeckt. Charlotte Bühler z. B. sammelte über
hundert Mädchen- und Knabentagebücher, die in ihrem Institut in Wien
ausgewertet und z. T. veröffentlicht wurden. Auf der Grundlage dieses
Materials schrieb sie ihr Buch „Das Seelenleben des Jugendlichen“ 5.
Spranger benutzte Poesie und Prosa von Jugendlichen, Busemann und
Kroh verwendeten u. a. freie Niederschriften. Die modernen Soziolo-
gen dagegen — wie etwa Schelsky, Bednarik, Wurzbacher, Lichten-
stein oder auch die Forscher des Bielefelder Emnid-Institutes — stüt-
zen ihre Jugendforschung, soweit sie empirisch arbeiten, auf Erhe-
bungen oder Befragungen mündlicher oder schriftlicher Art und be-
arbeiten diese Ergebnisse z. T. mit den modernen statistischen Me-
thoden. Schließlich beschäftigten sich die Psychologen, außer C. Bondy6,
vorwiegend mit der Jugend der gehobenen bürgerlichen Schichten; die

8
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list