Küppers, Waltraut
Mädchentagebücher der Nachkriegszeit: dein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend: ein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend — Stuttgart, 1964

Page: 271
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/DU3000K95/0271
0.5
1 cm
facsimile

IV

WAS BEDEUTET TAGEBUCHSCHREIBEN FÜR DEN
JUGENDLICHEN?


Um das Jugendtagebuch als psychologische Quelle verwenden zu
können, muß man fragen, was das Tagebuchschreiben für den jugend-
lichen Schreiber selbst bedeutet. Welche Impulse führen zu einer sol-
chen Tätigkeit? Liegen dem Tagebuchschreiben stets Begabung,
Gewandtheit, Gestaltungssehnsucht mit sprachlichen Mitteln zu-
grunde? Schreiben überhaupt nur die begabten jungen Menschen? Die-
ser letzte Gesichtspunkt trifft sicher nicht zu. Wir kennen Tagebücher,
in denen häufig von schlechten Noten und vom Schulelend der Schrei-
ber gesprochen wird. Obgleich die Schulleistung ja sicher kein zu-
verlässiges Kriterium für die Begabung ist, geht doch auch aus dem
Inhalt oft hervor, daß es sich nicht um überdurchschnittliche Befähi-
gungen handelt. Auf der anderen Seite sind aber sprachlich sehr un-
gewandte und holperig geschriebene Tagebücher selten. Es ist mir zwar
der Fall eines Legasthenikers bekannt, der noch mit 13 Jahren kaum
ein Wort richtig schreiben konnte, aber in der Verzweiflung eines
Heimerziehungsaufenthaltes Tagebuch führte. Doch wird dies eine
Ausnahme sein. Im allgemeinen kann angenommen werden, daß die-
jenigen, die schreiben, nicht mit sprachlichen Hemmungen und manuel-
len Schwierigkeiten zu kämpfen haben. An vielen Tagebüchern spürt
man die Freude am Umgang mit den sprachlichen Mitteln. Gerade
bei den Mädchen, die ja den höheren Prozentsatz der Tagebuch-
schreiber stellen, fließen in die Berichte und Auseinandersetzungen im
Tagebuch immer wieder auch lyrische Elemente, oft geformte Poesie,
mit ein.
Aber zurück zu der Frage: welche innerseelischen Impulse, welche
Antriebe führen zum Tagebuchschreiben? In fast allen Jugend-
tagebüchern wird von den Schreibern selbst eine Antwort darauf
gegeben. So finden sich etwa folgende Eintragungen zu Beginn eines
Tagebuchs:
»Was ist mit mir? Eine quälende Unruhe hat mich befallen. Ich kenne mich
selbst nicht mehr und doch, was sage ich, habe ich midi denn schon je ge-
kannt? Es wallt in mir, ich glühe, fiebere. Es drängt mich, dies alles nieder-

271
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list