Küppers, Waltraut
Mädchentagebücher der Nachkriegszeit: dein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend: ein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend — Stuttgart, 1964

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DIE VERBREITUNG DES JUGENDTAGEBUCHS

Was nun die Verbreitung des Tagebuches anlangt, so wäre ein Ver-
gleich der heutigen Lage zum Umfang des Tagebuchschreibens in den
Zwanziger Jahren recht interessant. Das ist jedoch nur schwer mög-
lich, da sich in den jugendpsychologischen Arbeiten von Stern bis Buse-
mann zwar überall Hinweise finden, daß Tagebücher benutzt sind,
aber fast nirgends gesagt wird, in welchem Ausmaß solche Nieder-
schriften gebräuchlich waren. Nur zwei Notizen, die nicht allzuviel
besagen, konnten wir ausfindig machen. So berichtet Frau Bühler in
der Einleitung zu den von ihr herausgegebenen Knabentagebüchern,
daß sie verschiedentlich bei Vorträgen kleine Befragungen durch-
führte, und daß sich einmal 60 %, ein andermal 66 % der Hörerinnen
und Hörer dazu bekannten, in ihrer Jugend ein Tagebuch geführt zu
haben25. Man muß dabei allerdings bedenken, daß eine ganz be-
stimmte Gruppe von Menschen in einen Vortrag von Frau Bühler
geht. Ein anderer Hinweis findet sich bei W. Hoffmann26, der am
Thomasgymnasium in Leipzig eine Erhebung durchführen ließ. Sie
ergab, daß von 184 Knaben der Klassen Obertertia bis Oberprima
117, das sind 63,6 % Tagebuchschreiber waren. Diese sehr hohe Zahl
täuscht jedoch. Nur 8 Knaben geben regelmäßiges Führen eines
Tagebuches an und bei 76 Schülern handelt es sich um gelegentliche
Eintragungen in Reisetagebücher. Wenn man diese letzte Kategorie,
bei der es sich nicht im eigentlichen Sinn um Jugendtagebücher han-
delt, herausnimmt, bleiben nur 41 Tagebuchschreiber von 184 Schü-
lern, das sind 22,3 % .
Verschiedene kleinere Stichproben, die ich mit Hilfe von Lehrern und
Studenten in den letzten Jahren durchführte, sollten vor allem erkun-
den, ob das Tagebuchschreiben, oft als anachronistische Rarität der
Jugend der Zwanziger Jahre abgetan, überhaupt noch zu finden
ist. Den Anstoß zu der ersten Befragung und damit auch zu die-
ser Arbeit gab E. Weniger, der in einem Vortrag in Kassel 28 bedauernd
feststellte, daß diese jugendpsychologische Quelle versiegt sei. Unsere
Erhebungen wurden schriftlich und anonym durchgeführt. Das Reise-
oder Ferientagebuch wurde dabei bewußt ausgeklammert. In den

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