Küppers, Waltraut
Mädchentagebücher der Nachkriegszeit: dein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend: ein kritischer Beitrag zum sogenannten Wandel der Jugend — Stuttgart, 1964

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VII

ZUR PROBLEMATIK DER TAGEBUCHMETHODE

Es erhebt sich freilich die Frage, inwieweit das Tagebuch als Unter-
suchungsgrundlage dienen kann. Welche Stellung nimmt das Jugend-
tagebudh als Methode der psychologischen Forschung ein? Zweifellos
ist es neben Beobachtung, Experiment, Test und Exploration, neben
Enquete, Interview u. a. zu den empirischen methodologischen Mög-
lichkeiten zu rechnen. Wenn die Verwertung dieser Selbstzeugnisse als
Methode auch umstritten ist, so hatte man dem Tagebuch in den
Zwanziger Jahren doch, wie eingangs erwähnt, verhältnismäßig
starke Aussagekraft zugestanden. Dabei sind bei der Verwendung
von Tagebüchern Gefahren in verschiedener Hinsicht gegeben. Einmal
kann das Individuelle dieser Schriften zu leicht verallgemeinert wer-
den. Die Aussage des einzelnen Jugendlichen wird etwa als Durch-
schnitt dieser Jugend interpretiert. Außerdem ist unklar, welche jun-
gen Menschen zu dieser Tätigkeit neigen, und ob es sich bei diesen
Schreibern nicht um eine ganz bestimmte Gruppe etwa literarisch be-
gabter oder sozial nicht angepaßter, vereinsamter Jugend handelt.
Schließlich wurde vor allem der Einwand erhoben, daß nur die
Jugend der höheren Schule überhaupt Zeit und Kraft zu solchem
Selbstgespräch habe, und daß das aus diesen Selbstzeugnissen ent-
nommene Jugendbild in keiner Weise repräsentativ sei für die Arbeiter-
jugend, also für die Jugend, die die große Mehrheit einer Jugend-
generation darstellt. Trotzdem war es bei den veröffentlichten Tage-
büchern, die z. B. Charlotte Bühler und E. Stern vollständig, Buse-
mann, Ruppert u. a.70 auszugsweise Wiedergaben, eindrucksvoll zu
sehen, welch starke Übereinstimmung sich bei Schilderungen seelischer
Erlebnisse und in der geistigen Auseinandersetzung mit sich selbst und
der Umwelt bei Jugendlichen verschiedenen Herkommens und unter-
schiedlicher Begabungslage zeigte. Auch in den Tagebüchern unserer
heutigen Mädchen traten ja ganz bestimmte Inhalte in gleichen Alters-
oder Reifungsstufen immer wieder auf.
Noch deutlicher zeigt sich das für die Jugend Spezifische, wenn man
diese Niederschriften mit Tagebüchern von Erwachsenen konfrontiert71.
Viele Bereiche, die dort eine dominierende Rolle spielen, wurden von

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